Die zentrale Frage im Kölner Prozeß: Kann auch Mörder sein, wer nicht geschossen hat?

Von Hans Schueler

Köln, im Juni

Frage Nr. 34: „Sie sind Arzt; als solcher haben Sie den Hippokratischen Eid geleistet. Gleichzeitig aber tragen Sie eine scharfgeladene Pistole bei sich. Sie gehen damit das Risiko ein, sie zu benutzen, selbst wenn es nur in äußerster Notlage sein sollte, um damit das Leben anderer zu verletzen und zu töten. Wie vereinbaren Sie das mit ihrem Eid?“ Dies ist keine Prüfungsfrage an einen Wehrdienstverweigerer, sondern an einen wegen Mordes Angeklagten. Sie entstammt einem Katalog von 61 schriftlich formulierten Fragen, die das Schwurgericht und die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Köln dem Arzt Karl-Heinz Roth und, nicht ganz so umfänglich, seinem Mitangeklagten Roland Otto gestellt haben. Eine andere. Frage lautet: „Sind Sie Links- oder Rechtshänder?“ Oder eine dritte: „Welches ist Ihre Einstellung zur Frage der Durchsetzung politischer Ziele mit Gewalt?“ Oder eine vierte: „Warum wollen Sie nur schriftlich aussagen?“

Eine juristische Gratwanderung

Die solchermaßen Examinierten sind des gemeinschaftlich versuchten und des gemeinschaftlich vollendeten Mordes an je einem Polizeibeamten angeklagt, begangen in der Nacht zum 9. Mai 1975 auf einem Parkplatz an der Flammersfelder Straße im Kölner Vorort Gremberg. Der Arzt Karl-Heinz Roth beantwortete die Mehrzahl der Fragen Anfang dieser Woche, im sechsten Monat nach Prozeßbeginn, mit der Verlesung eines schriftlichen Statements. Warum er sich nur schriftlich fragen lassen und schriftlich antworten wollte, erklärte er so: „Es geht mir um eine präzise Dokumentation dessen, was ich in diesem Prozeß wirklich sage. Ich habe kein Vertrauen zum gerichtlichen Protokoll. Ich habe auch kein Vertrauen in das Gedächtnis der Richter.“

Schärfe; wurde Roth zu keinem Zeitpunkt. Er zweifelte nur am Gedächtnis der Richter, nicht an ihrem guten Willen zur Rechtsfindung. Überhaupt verlief die Verhandlung an diesem Tage im Kammerton. Das war nicht immer so.