Von Gunter Hofmann

Bonn, im Juni

Nahe sind sie sich oft gekommen; aber ein Rest von Distanz blieb stets. Willy Brandts und Herbert Wehners Beziehungen zueinander wären weniger kompliziert, wenn sich darin nicht ziemlich exakt die Probleme der Nachkriegs-SPD widerspiegelten.

Gewiß zielte es zu kurz, wollte man unterstellen, da bräche immer wieder eine Art privater Fehde auf. Rivalen, die kleinkariert um denselben Sessel gestritten hätten, sind Brandt und Wehner nie gewesen. Wann immer auch Dissonanzen zu hören waren, klangen die Schwierigkeiten einer Partei mit an, die von 1875 bis 1966 fast ohne Unterbrechung in der Opposition war – oder verboten.

Es läßt sich nur ahnen, wieviel da verdrängt worden ist, als es im Jahr 1973 zu einem irreparablen Bruch zwischen beiden kam, gleichwohl aber die Führungsspitze – Helmut Schmidt inklusive – politisch intakt und handlungsfähig blieb. Zu dem Zerwürfnis war es gekommen, als der Spiegel im Oktober 1973 Wehner-Worte aus Moskau kolportierte, die in dem Satz gegipfelt haben sollten: "Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf." Brandt war tief getroffen, aber machte keine Anstalten, den Fraktionschef Wehner zu "kippen", wie ihm Freunde damals rieten. Wehner wiederum suchte mit peniblen Dementis die "Stümmelsätze" aus der Welt zu schaffen, vergebens; zu viele Journalisten hatten in der Moskauer Botschaft mitangehört, als er über Brandt ("Da läuft nichts mehr") vom Leder zog, sich der flinken Kugelschreiber und der geduldigen Notizblocks wohl bewußt. Er habe Brandt nur "helfen" wollen, verteidigte er sich damals. Den demütigen Formeln folgten starke Worte: Er werde an Brandts "Seite stehen und mich für ihn zerhacken lassen": Hagen, der sich dem Fleischwolf darbot. Ein Korn Wahrheit steckte darin. Sie dienten nur als neues Indiz für den Königsmord.

Brandt und Wehner haben sich strikt geweigert, in dieses Kapitel ihrer Beziehung zwischen der Moskauer Philippika und dem Rücktritt des Kanzlers wenige Monate später rückhaltlos Einblick zu gewähren; aber nur Wehner hat behauptet, seinerseits sei "nichts ungeklärt geblieben". Warum es zur versöhnenden Geste nicht kam, um die er auch damit nachsuchte, weiß Brandt: In seinem Buch "Einsichten und Erinnerungen" spricht er von Herbert Wehner ohne jede Regung, als sei der im Erich-Ollenhauer-Haus der SPD in der Vergangenheit eher ein zufälliger Gast gewesen und in der SPD-Spitze nur noch ein notwendiges Übel.

Wiederannäherungsversuche, die es wohl gab, blieben ungehört. Brandt zuckte mit den Achseln, wortlos. Auch wenn Wehner erklärte, Brandt sei "größer, bedeutender und integrer als alle, die ihn schmähen, und auch als die meisten, die so tun, als bewunderten sie ihn, soweit sie das öffentlich zur Schau tragen". Im März 1974 lautete eine andere confessio aus dem Mund Wehners: "Es gibt keinen Ersatz für ihn, keinen Besseren." Zwei Monate später differenzierte er: "Was mein Verhältnis zu Brandt ist, es war immer eines des Respekts, es war, immer eines der Sorge darum, daß diese bedeutende Kraft nicht auf Grund mancher persönlicher Eigenheiten sich selbst mehr beschädigt, als es notwendig wäre." War das nicht von respektabler Ehrlichkeit?