Wer seinen Kindheitstraum auch als Erwachsener träumen und dann gar noch verwirklichen durfte, zudem ein weltberühmter Mann wurde, quasi eine Symbolgestalt seiner Zeit, der durfte mit Recht von seinem Leben sagen, daß es reich und wahrhaft erfülllt gewesen sei. Der dies erklärte, wußte als er es vor ein paar Jahren tat, daß er nicht mehr lange zu leben hatte; er sah seinem Tod mit Gelassenheit entgegen. Jetzt hat er ihn ereilt. In der Nacht zum 16. Juni starb in Alexandria (US-Staat Virginia) 65jährig der gebürtige Preuße und Wahl-Amerikaner Wernher von Braun.

Sein Werk, vor acht Jahren noch als kulturelle Jahrhundertleistung gefeiert, ist in einer Zeit, da wir mehr und mehr die Probleme denn die Fortschritte der Zivilisation zu sehen begonnen haben, verblaßt. Gewiß, wir reden noch vom Raumfahrtzeitalter, aber die Raumfahrt selbst, die der geniale Ingenieur Dr. von Braun mit seinen Raketen ermöglicht hat, kommt uns fast anachronistisch vor.

Wir vergessen darüber allzu leicht die durchaus gravierenden direkten und indirekten Fortschritte, die uns die bemannte und die unbemannte Raumfahrt beschert haben. Nachrichten- und Wettersatelliten, die elektronische Mikrotechnik, neue Kunststoffe und Legierungen mit unglaublichen Eigenschaften, neue Methoden der Nahrungsmittel-Technologie, unzählige technische Neuerungen für den Fahr- und Flugzeugbau, vor allem aber eine nie zuvor gekannte Intensivierung und organisatorische Bündelung der Forschung auf allen wissenschaftlichen Gebieten – das alles, ob es nun zu unserem Wohl oder Wehe führen mag, ist der wahre fallout des Wettlaufs zum Mond, der ohne die Zähigkeit und den Einfallsreichtum des blonden Vollblutamerikaners mit dem leichten deutschen Akzent nicht hätte stattfinden können.

Schon als Knabe hatte der Sprößling einer alten westpreußischen Familie Raketen gebastelt. Als Gymnasiast entdeckte er die technischen Schriften des Raketenfanatikers Hermann Oberth, der den physikalischen Nachweis erbracht hatte, daß der Sprung in den Weltraum durchaus realisierbar sei. Diese Lektüre bestimmte das weitere Schicksal Wernher von Brauns.

Als Student ließen er und zwei weitere Oberth-Schüler die erste mit flüssigem Treibstoff angetriebene Rakete in den Himmel steigen. Bald hatte die Reichswehr das junge Talent erspäht. Brauns Doktorarbeit war schon geheime Kommandosache. Seine Mutter hatte in Peenemünde den Platz ausgesucht, auf dem Wernher von Braun ein auch nach modernen Gesichtspunkten eindrucksvolles Zentrum für die Entwicklung von raketengetriebenen Fernwaffen errichtete. Die „Vergeltungswaffe zwei“ (V2) funktionierte zwar wie von Braun geplant, aber sie konnte den Ausgang des Zweiten Weltkriegs nicht mehr beeinflussen.

Als Kriegsbeute holten sich die Amerikaner den begabten Raketeningenieur ins Land. Er ließ sich gerne in die USA entführen, wo zunächst wieder das Militär und später die NASA die Mittel bereitstellten, die Wernher von Braun brauchte, um seinen Lebensplan zu erfüllen, den Sprungs ins All. Er gelang mit der Braun-Rakete Saturn vorzüglich – und der in Wirsitz bei Bromberg geborene Baron wurde zum populärsten Amerikaner.

Danach freilich, als er erst so richtig damit beginnen wollte, den Weltraum für uns Irdische zu erschließen, stutzte man ihm die Flügel. Mit dem Sieg im Wettlauf zum Mond hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan, er konnte nun gehen.

Ehre wurde ihm allerdings noch viel zuteil. Unzählige Doktorhüte, Mitgliedschaften in gelehrten Akademien der ganzen Welt, Orden – auch das Ritterkreuz des Dritten Reichs und das Bundesverdienstkreuz – und Ehrentitel zierten den energischen Raumfahrt-Kolumbus, als er in der vorigen Woche seinem Krebsleiden erlag. Seine Familie und engsten Freunde trugen ihn in aller Stille zu Grabe, noch ehe die Welt von seinem Tod erfuhr.