Von Frieder Lauxmann

Die Überproduktion an Wissen und an Information wird uns bald in ernsthafte Krisen führen. Ihre Anfänge lassen sich heute schon erkennen.

Im Sommer des Jahres 1973 konnte man in Zeitungen von einem eigenartigen Prozeß lesen, der auf eine Situation deutete, die uns in Zukunft noch wesentlich mehr zu schaffen machen wird.

Was war geschehen? Heinz A., damals 53 Jahre alt, gelernter Chemielaborant, dachte sich schon in den fünfziger Jahren einen ganz einfachen Trick aus: Er schrieb Artikel aus fast allen Wissensgebieten ab und verkaufte sie an andere Zeitschriften als seine eigenen Produkte. Wenn er das, was da unter seinem Namen erschienen war, alles selbst erarbeitet und verfaßt hätte, dann hätte er ein Universalgenie sein müssen. Tatsächlich wurde bei ihm aber ein Intelligenzquotient von nur 66 ermittelt, ein Wert nahe dem Schwachsinn.

Das Erstaunliche an diesem Vorgang: Herr A. konnte seine Plagiate meist schon kurz nach der Originalveröffentlichung in einer anderen Zeitschrift, bei der er einen anderen Leserkreis vermutete, unterbringen. „Glanzstücke“ gelangen ihm, wenn er einen abgeschriebenen Artikel einige Zeit später in derselben Zeitschrift veröffentlichen ließ.

Den Beitrag „Leber und Fettstoffwechsel“ schrieb er aus dem Blatt Ärztliche Praxis 1961 ab und veröffentlichte ihn drei Jahre später unter seinem Namen in eben dieser Zeitschrift. Der Artikel „Die Schadenhaftung nach dem Wasserhaushaltsgesetz“ erschien auf diese Weise in der Zeitschrift Welt der Milch zweimal mit einem Abstand von weniger als einem Jahr. Allein in der Zeitschrift Maschinenmarkt konnte er im Laufe der Jahre rund 140 abgeschriebene Beiträge anbringen. Herr A., der zu einem Jahr Gefängnis mit Bewährung und zu einer Geldstrafe von 40 000 Mark verurteilt wurde, konnte über fünfzehn Jahre lang aus deutschen Fachzeitschriften rund tausend Artikel abschreiben und anderweitig anbieten. Nur ganz selten schöpfte eine Redaktion den Verdacht auf eine Urheberrechtsverletzung, den er jedesmal durch aggressive Beschwichtigungen zu zerstreuen vermochte.

Uns interessiert hierbei nicht die Person, die dies alles zuwege gebracht, sondern die Situation, die das ermöglicht hat.