Es verwirrt mich, daß hier in Westdeutschland auch Deutsch gesprochen wird. Als ob ich zu Hause wäre. Die verderben mir mit ihrem Deutsch-Sprechen noch das Exil.

Wolf Biermann in der ZDF-Sendung „Litera-Tour“

Urteil aus Angst – Urteil zum Fürchten

Wieder hat – nach dem Fall Peter Paul Zahl, nach dem Fall Staeck – ein Gericht in der Berufungsinstanz ein Urteil drastisch verschärft. Diesmal besonders gravierend, weil es nach einem Spruch des Berliner Kammergerichts keine Möglichkeit mehr gibt, das Urteil zu revidieren. Der Richterspruch trifft das angesehene (Einladung zum Theatertreffen 1976), umstrittene Kindertheater „Grips“ in Berlin: Der Richterspruch könnte für eines der besten Theater Deutschlands Todesurteil sein. Bei einem Gastspiel im westfälischen Unna 1976 beschuldigte ein CDU-Ratsmitglied in einem Leserbrief die Truppe der „Kommunistischen Propaganda“ und der Unterstützung der „Zielvorstellungen der Baader-Meinhof-Bande“. Volker Ludwig und seine Mannschaft gingen mit einer Unterlassungsklage vor Gericht. Das Landgericht Berlin wies die Klage ab: Es handle sich um „bloße Meinungsäußerung“, durch das Grundgesetz geschützt. Der 9. Zivilsenat des Kammergerichts geht jetzt über diesen Spruch weit hinaus: Die Erklärungen sind danach eine Tatsachenbehauptung. Weshalb? Weil einige Mitglieder des Ensembles 1974 einen Aufruf unterzeichnet hatten, der den Hungerstreik der Baader-Meinhof-Untersuchungs-Gefangenen, mit dem Ziel erleichterter Haftbedingungen, unterstützt. Weil einige Schauspieler, als Individuen, einen Aufruf unterzeichnen, wird ein Theater, eine Institution, verurteilt? In der von Angst und Arbeitslosigkeit bestimmten Sphäre des öffentlichen Dienstes wird sich jeder Lehrer überlegen, ob er seine Klasse in ein Theater führt, dem höchstrichterliche Entscheidung Unterstützung einer kriminellen Vereinigung bescheinigt. Bisher schon durfte „Grips“ im CDU-regierten Bezirk Zehlendorf nicht gastieren. Die Verunsicherung wird wachsen, die Neigung zur Selbstzensur weiter zunehmen, die Liberalität in Fragen der Kultur schrumpfen. Daß ein Senat des Gerichtes, dessen Präsident, Drenkmann, von politischen Amokläufern ermordet wurde, besonders subtil argumentiert, wird man verstehen. Es bleibt gleichwohl ein ungutes Gefühl, wenn Kulturpolitik nicht von den dazu Berufenen, sondern von Gerichten gemacht wird. Dies ist (im Berliner Klima vielleicht verständlich) ein Urteil aus Angst; solche Urteile aber, die Geschichte lehrt es, sind zum Fürchten.

Berlinale-Programm

Für die Einheimischen gibt es eine „Berlinale-Tombola“ (bei der man zum Beispiel einen Gutschein für das „rustikale Freitagsbuffet“ im Hotel Kempinski gewinnen kann), für die film-historisch Interessierten findet der erste Teil einer Marlene-Dietrich-Retrospektive statt (mit Raritäten wie Maurice Tourneurs „Das Schiff der verlorenen Menschen“ mit Marlene und Fritz Kortner), den Gästen des internationalen Festivals werden Novitäten von Regisseuren wie Robert Bresson, François Truffaut, Robert Benton, Don Siegel, Konrad Wolf und Bernhard Wicki angeboten. Die 27. Berliner Filmfestspiele, die erstmals unter der Leitung von Wolf Donner stattfinden, werden am 24. Juni mit Peter Bogdanovichs Komödie „Nickelodeon“ eröffnet, am 5. Juli mit einer marokkanischen „Bluthochzeit“ beschlossen. Mit besonderer Spannung erwartet man die drei spanischen Filme im offiziellen Programm, darunter einen abendfüllenden Dokumentarfilm über Franco: „Caudillo“ von Basilio Martin Patino erlebt in Berlin die Welturaufführung.

Richter gegen Bücher