„Die Gesamtveröffentlichung der Briefe Benns an seinen Freund Dr. F. W. Oelze dürfte wahrscheinlich die letzte große Dokumentation über Gottfried Benn sein, die zu erwarten ist“ – so schreibt Walter Lennig in seiner 1962 erschienenen Studie über Gottfried Benn in der Reihe „rowohlts monographien“. Ein halbes Menschenalter später erscheint im Juli der erste Band von Benns Briefen: „1932–1945“ an Oelze (Limes Verlag, München; 380 Seiten, 38 Mark). Wegen testamentarischer Verfügungen konnten die beiden Herausgeber, die Professoren Harald Steinhagen und Jürgen Schröder, die Edition – ein zweiter Band wird folgen – nicht früher herausbringen. Der Verlag übertreibt nicht, wenn er die Sammlung als „die bedeutendsten Briefe“ des Dichters ankündigt. Benn hat wiederholt darauf hingewiesen, wie wichtig ihm in den Jahren erzwungenen Schweigens während der Nazi-Zeit die Kommunikation mit diesem Briefpartner war. Der von Benn „Herr Großkaufmann“ genannte Freund wurde 1891 geboren. An deutschen und englischen Universitäten studierte er Rechtswissenschaft, mit der Absicht, in den diplomatischen Dienst zu gehen. Nach der Referendarzeit ergriff Oelze jedoch den kaufmännischen Beruf und übernahm 1942 die väterliche Importfirma in Bremen. Der literarisch vielseitig interessierte, mit Rudolf Borchardt befreundete Rechtsgelehrte und Handelsherr, ein großer Kenner und Verehrer Goethes, schrieb dem Dichter seinen ersten Brief 1932 nach der Veröffentlichung von Benns Gedenkaufsatz zum hundertsten Todestag Goethes in der „Neuen Rundschau“: „Goethe und die Naturwissenschaften“. Preußisch knapp, fast abweisend Benns Dankschreiben: „Mir eine große Freude, wenn Ihnen meine Aufsätze gefallen haben. Eine mündliche Unterhaltung würde Sie’enttäuschen. Ich sage nicht mehr, als was in meinen Büchern steht.“ In mehr als zwei Jahrzehnten schrieb Benn dem Bremer Kaufmann dann etwa 700 Briefe. Während des Schreibverbots durch die Nazis war Oelze für Benn fast der einzige Partner, mit dem Benn offen zu korrespondieren wagte. Der Briefwechsel war Anlaß für die Entstehung einer ganzen Reihe von Werken. Die Anzahl von Oelzes Briefen läßt sich nicht mehr feststellen. Ein Teil wurde vernichtet (auf Oelzes Wunsch), nachdem das „Schwarze Korps“ am 7. Mai 1936 Benn massiv angegriffen hatte und eine Haussuchung durch die Gestapo bevorstand. Ein weiterer Teil ging verloren, als Benn 1945 aus Landsberg flüchten mußte. Wir veröffentlichen aus dem gewaltigen Konvolut aus vierundzwanzig Jahren sechs Briefe. Sie zeigen, welche neuen Erkenntnisse durch diese Briefe möglich werden – über die damalige Zeit, über Benns ärmliches Leben (nicht nur damals), über seine Einschätzung andere Schriftsteller und nicht zuletzt über Benn selber und sein Werk. rm