Lilian-Harvey-Filme in der ARD: „Quick“ von Robert Siodmak (25. 6.); „Sieben Ohrfeigen“ von Paul Martin (8. 7.); „Capriccio“ von Karl Ritter (15. 7.); „Glückskinder“ von Paul Martin (23. 7.).

Lilian Harvey (1907–1968) sah immer so aus, als müsse sie schon zu Beginn ihrer Karriere das Comeback wagen. Stets wurde dem früh gealterten Gesicht eine eiserne Maske des Charmes aufgebunden, die in Momenten der Bestürzung Risse zeigte, die von keiner Schminke zu verdecken waren. Die Regie der Ufa, die mit ihr weder einen Vamp noch eine Dame, sondern „das süßeste Mädel der Welt“ lancieren wollte, ließ an diesem Gesicht nur einen Ausdruck zu: mechanisierte Fröhlichkeit. Immer wollte die Harvey wie eine Fee übers Parkett schweben, aber ihre trippelnde Gangart ähnelte mehr einer aufgezogenen Puppe. Diese Sirene sang nie, sie plärrte von einer eingebauten Sprechwalze. Ihre Gesten waren gestochen, ihre Tanzschritte eingedrillt, und wenn sie, ganz auf Betörung eingestellt, Willy Fritsch entgegeneilte, dann schwang sie ihre Hüften nicht, sondern schwenkte sie, wie eine Fahne, abgetrennt vom Körper. Die Harvey, ewig blonder Traum und Glückskind, war die perfekt synthetische Darstellerin, deren menschliche Züge konsequent die Mechanik des Zeichentricks aufgriffen. Nicht von ungefähr wollte sie in der grotesken Nonsense-Einlage der „Glückskinder“ als Traumrolle Mickymouse spielen.

Die Ufa-Produktion „Der Kongreß tanzt“ (1931) gilt als Inbegriff sozialromantischer Filmideologie. Die Harvey singt sie bei ihrer Kutschfahrt um den Brunnen voll heraus: „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein ...“ und während dieses Glücks versprechen des status quo ante erklingt, geraten die kostümierten Kabelschlepper ins Bild. Noch von den Filmarbeitern verlangt die Harvey Huldigung, noch der Kunstfehler ist auf sie bezogen. Als die Bombe auf das Zarendouble geworfen wird, entpuppt sie sich als Blumenbouquet einer begeisterten Verehrerin. Nicht, daß unter diesen Blumen die Kanonen der Revolution hörbar wären (wie Schumann zu Chopin befand) ist bezeichnend, sondern, daß die Krisen von Weimar unter diesen Film-Bouquets erstickt wurden. „Der Kongreß tanzt“ ist ein durchaus raffinierter Ufa-Film, dessen Witz noch von der Lubitsch-Schule zehrt: Weltgeschichte im Schlafzimmer. Aber der Sehnsucht der Massen, Geschichte zu vermenschlichen, wird mit dem Interesse der Produzenten begegnet, Geschichte zu verdinglichen. Der Harvey kommt hier eine Schlüsselszene zu; in Erwartung von Fritsch, dem Zaren, zerstreut sie sich zur Teestunde und gibt ihrem Affen Zucker.

Als größten Produktionswert der Harvey beutete die Ufa ihre Süßigkeit, ihre artige Adrettheit und den Schuß überdrehter Keßheit aus. In der Harvey wurde die Herausforderung der amerikanischen Konkurrenz, die Kindfrau Shirley Temple, mit dem deutschen Gretchen sozusagen versöhnt. Sie kokettiert und klappert mit den Wimpern, aber wenn der coup de foudre einschlägt, senkt sie schicklich die Lider.

In „Quick“ (ARD, 25. Juni), einem zu Recht neuentdeckten Film von Robert Siodmak von 1932, liegt sie zur Kur im Schlammbad. Hans Albers, ihr stürmischer Verehrer, bricht wie ein Berserker durch alle Türen, um dann als Gentleman vor sie zu treten. Die Harvey heuchelt sittliche Empörung aus den angezogenen Schmollwinkeln heraus, wird aber Komplizin dieser Attacke, indem sie langsam ihren kleinen Finger vom Schlamm reinigt und Albers zum Handkuß hinstreckt. Das scheint gewagt, wirkt doch nicht lasziv und überrumpelt durch Naivität – deckt folglich ein breites Spektrum an Zuschauerinteressen ab. Die Eingangssequenz des Films, die fremd wie aus einer Science-fiction-Sphäre anmutet, führt sehr knapp und präzis die Schauplätze ein, jedem Alltag entrückt, Orte der Exotik, an denen die Krisenerfahrung von 1932 sich entspannen darf: im Kurhaus, im Varieté. Im Handumdrehen stiehlt Hans Albers als der Clown Quick der Harvey die Show, die auch für ihn entworfen scheint. Die Dialoge leben von einer gewissen, aber ausgedünnten Schnoddrigkeit, die mal eine elegante Frechheit, mal einen deftigen Witz einstreut und in jedem Fall sich über die bekannte Ufa-Ware erhebt. Für Filmausstatter ist „Quick“ ein reines Art-Déco-Museum, für Historiker ein seltenes Beispiel, wie früh amerikanische Revuefilme bei uns kopiert wurden.

Paul Martins Film „Glückskinder“ von 1936 (ARD, 23. Juli) dagegen ist ein nur schwach kaschiertes Plagiat eines Kassenrenners von Hollywood. Er basiert auf Frank Capras „It Happened One Night“, der auf dem Kurfürstendamm weit mehr Publikum fand als der „Hitlerjunge Quex“. Die Ufa schickte den Regisseur schrieb nach Amerika zum Studium der social comedies“. Auf der Welle der Reporterfilme schrieb Martin zusammen mit Curt Goetz – dem der zugespitzte, oft auch quälend gedrechselte Wortwitz zu verdanken ist – für das Star-Duo Lilian Harvey und Willy Fritsch einen Pressefilm im New Yorker Milieu, dessen Erfolg ihn die ungleich schwächere Komödie „Sieben Ohrfeigen“ (ARD, 8. Juli) hinterherschießen ließ. Wo sich die amerikanische Filmkomödie jener Jahre in der unverschämten Brisanz ihrer Dialoge als Schamverletzung libidinöser Beziehungen erwies, wird bei Paul Martins Ufa-Filmen jede Brisanz in infantile Albernheiten abgedrängt. Dennoch zählt „Glückskinder“ zu den besten der wenigen deutschen Komödien. Die Harvey vollführt hier, im Verein mit den Komikern Sima und Kemp, einen merkwürdig eckigen Tanz, bei dem der lange Rock die angelegten Bandagen verdecken soll. Ein schwerer Unfall traf sie, aber eisern trat sie wieder an: die Glücks-Show mußte weitergehen.

Den interessantesten Film, „Schwarze Rosen“ von 1935 (mit Willy Fritsch und Willy Birgel), wird die ARD nicht senden, weil es vermutlich eher um eine sommerliche Hommage an die Harvey als um eine Dokumentation ihrer Filmarbeit geht. In diesem manifest politischen Melodram, das für den Widerstand der Finnen gegen die russischen Besatzer Partei nimmt, zeigt sich nämlich, daß auch die Harvey dem Zweckbündnis mit der Politik nicht ganz entrückt war: und zwar in jener schockartigen Szene, in der zaristische Soldaten ins Publikum zielen. „Schwarze Rosen“ arbeitet noch ein Stück vom „Panzerkreuzer Potemkin“-Trauma der Faschisten auf.