Sechzig Saarbrücker suchen ein barockes Vorbild

Der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker stammt aus dem Saarland. Diese weltbewegende Tatsache wurde spätestens seit seinem ersten Interview einem westlichen Journalisten gegenüber weltweit bekannt. In 51 Ländern der Erde verbreiteten damals Zeitungen und Rundfunkanstalten Ausschnitte aus dem Gespräch, das der stellvertretende Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, Erich Vollmer, im Februar mit seinem Bekannten aus der Jugendzeit, Erich Honecker, geführt hatte.

Die Erinnerungen des Staatsratsvorsitzenden an saarländische Jugendtage waren so lebhaft, daß er beispielsweise noch fließend „platt“ sprach, und so wohlwollend, daß er spontan zwei Einladungen an saarländische Gruppen aussprach, die die DDR besuchen wollten.

Die eine, aus dem Stadtverband Saarbrücken, die ein Schloß in der DDR besuchen will, reist dieser Tage ab, die andere, Mitglieder des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), Bezirksverein Saar, besuchte bereits im April das Bruderland. Diese Reise ging, zumindest für den saarländischen Landesvorsitzenden, nicht so fröhlich aus, wie sich das nach der unbürokratischen Einladung angelassen hatte.

Denn statt Verständnis für die Eigeninitiative zu finden, kam die kalte Dusche über Telephon. Der Bundesvorstand der Ingenieure tobte ob dieser selbständigen Reise seines Landesverbandes in die DDR, die Bemerkung vom möglichen Austritt von tausend Mitgliedern bei Bekanntwerden der Reise fiel, und schließlich die Drohung, über den saarländischen Ministerpräsidenten wenigstens zwei Fachhochschul-Professoren an der Reise zu hindern.

Das war zuviel: Landes Vorsitzender Alben. Hafner legte nach der Rückkehr beleidigt sein Amt nieder. Auch der spätere Entschuldigungsbrief seines Vorsitzenden,-Professor Dettmering, mit dem vagen Hinweis des Mißverständnisses hinsichtlich des „privaten“ Charakters der Reise der VDI-Mitglieder vermochte ihn nicht umzustimmen. Die DDR-Zeitungen druckten den Artikel der Saarbrücker Zeitung unter der Überschrift „Rücktritt durch DDR-Reise ausgelöst Ende Mai ab. Doch trotz Ärger, Querelen, offiziellem „Frieden“ inzwischen hofft man im saarländischen Verband, die Rückeinladung der Gesprächspartner aus der DDR verwirklichen zu können.

Nichts sechs wie bei dieser Delegation, sondern 60 Saarländer machen sich jetzt auf den Weg, um Schloß Dornburg bei Magdeburg zu besichtigen. Es sind Mitglieder des Stadtverbandstages Saarbrücken, Architekten, Ingenieure, Kunsthistoriker, die alle ein Ziel haben: das Saarbrücker Schloß restaurieren. Dort in der DDR hoffen sie, neue Erkenntnisse zu finden, dann Dornburg ist das einzig voll erhaltene Barockschloß des Architekten Friedrich Joachim Stengel, der auch in Saarbrücken baute. Während in Saarbrücken weder Originalpläne noch die Originalform bestehen – nachdem es die Franzosen 1793 in Brand gesteckt hatten, wurde es, mehrmals historisch gesehen schlampig wiederaufgebaut – kam das Stengel-Schloß in der DDR heil über die geschichtlichen Runden, seit es vermutlich Katharina die Große bei Stengel in Auftrag gegeben hatte.