In Guatemala bebte die Erde – und die politische Basis wackelt

Von Horst Bieber

Das Erdbeben begann am 4. Februar 1976 um 3.02 Uhr Ortszeit. Danach kam das dichtbesiedelte Hochland von Guatemala, wo mehr als drei Fünftel der 6,2 Millionen Guatemalteken leben, tagelang nicht zur Ruhe. Über 600 Erdstöße wurden registriert. Das Ausmaß der Katastrophe übertraf die schlimmsten Befürchtungen – rund 25 000 Tote, mehr als 75 000 Verletzte, für eine Milliarde Dollar Schäden; zwei Drittel des mittelamerikanischen Staates waren zerstört. "Noch nie", so klagt Präsident General Kjell Eugenio Laugerud Garcia, "habe ich soviel Zerstörung in so kurzer Zeit gesehen. Die Naturkräfte hatten sich gegen mich verschworen. Es war das Ende von vierhundert Jahren Kultur."

Alle 60 bis 80 Jahre wird Guatemala von schweren Beben heimgesucht, aber die Schäden vom Frühjahr 1976 waren großer als je zuvor. Dennoch waren sie, wie ein christdemokratischer Oppositionspolitiker bedrückt spottet, "eine Hilfe aus der Tiefe" – eine Hilfe für Präsident Kjell (wie der Abkömmling eines norwegischen Einwanderers kurz genannt wird) und seine Regierungskoalition. Denn die Einheitsfront zum Wiederaufbau ließ die zahlreichen Opponenten des rechten Generalpräsidenten verstummen; vor der Aufgabe des Wiederaufbaus hatte das "Parteiengezänk" zurückzutreten. "Es war die schwerste Aufgabe meines Lebens", sagt Kjell, "ich mußte meinen Schmerz überwinden und an die Spitze einer Einheitsfront treten." Und der Wiederaufbau gelang. Dank reichlicher Hilfe des Auslandes – allen voran die Bundesrepublik mit 53 Million nen Mark – begann die Bevölkerung sofort mit der Arbeit: "Das Volk ist nicht feige geworden", lobt Kjell stolz.

Kräftige Impulse

Und die nach dem Beben freigesetzte Energie hat angehalten. Wirtschaftlich geht es dem Lande besser als zuvor: Höhere Weltmarktpreise für Kaffee und Baumwolle, eine größere Zuckerproduktion, reichlicher fließendes Öl, der in diesem Jahr aufgenommene Nickelexport und die rege Bautätigkeit nach dem Beben haben der Wirtschaft kräftige Impulse vermittelt. Das Bruttoinlandsprodukt stieg.selbst im Katastrophenjahr 1976 um 8,5 Prozent, und Optimisten rechnen für 1977 mit einer Zuwachsrate von elf Prozent, wobei sogar das Kunststück vollbracht wurde, die Inflation von 14 Prozent (1975) auf etwa elf Prozent (1976) zu drücken. Auch das Pro-Kopf-Einkommen wurde beträchtlich gesteigert.

Die Regierung verschweigt, daß nicht alle Guatemalteken gleichmäßig an dem unbestreitbaren Aufschwung teilgenommen haben, daß im Gegenteil das soziale Ungleichgewicht vergrößert wurde und fünfzehn Monate nach der erzwungenen Einheitsfront die inneren Spannungen gefährlicher sind denn je. Ein Jahr vor den Wahlen – im Februar 1978 – hat sich die "Hilfe aus der Tiefe" erschöpft, ist der Terror zurückgekehrt.