Geschichte dürfe Kindern „nicht als toter, abstrakter, letztlich ermüdender Gegenstand gegenübertreten“ – so oder ähnlich lautet die Meinung vieler Geschichtspädagogen. Dieselben Erzieher schlagen dann ihrerseits nicht selten einen gefährlichen Weg ein, um Geschichtsbücher und Geschichtsunterricht zu vitalisieren und nach ihren Vorstellungen „kindgerecht“ zu servieren. Sie verwandeln Historie nur allzu häufig in eine Operetten hatte Szenerie mit gewaltigen Herrschern und umschwärmten Frauen, mit abwechslungsreichen Liebeleien und imposantem Kampfgetümmel, mit amüsanten Anekdötchen und philosophischen Tiefgang vortäuschenden Aphorismen. Der Einblick in geschichtliche Prozesse, in gesellschaftliche Veränderungen und in die Emanzipationsbemühungen unterdrückter Klassen und Gruppen wird durch das mächtige Wortgeklingel um nur mit Ehrfurcht zu betrachtende Persönlichkeiten und ihre vom jeweiligen „Temperament“ abhängigen Taten sorgfältig verbaut.

Martin Selber hat sich nun sicherlich auch das Ziel gesetzt, mit seinem Kinder- und Jugendbuch

Martin Selber: „Die Sklavenhändler“; rororo rotfuchs, Rowohlt Verlag, Reinbek 125 S., 3,80 DM

einen Ausschnitt aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts unterhaltsam und – unerläßlich für die Erfüllung der Lesebedürfnisse von Jugendlichen – spannend zu verpacken. Bei Selber verhungert aber der Anspruch, ein altersgemäß zurechtgerücktes Geschichtsverständnis zu vermitteln, nicht im Tohuwabohu einer auf „action“ und Vordergründigkeit abgerichteten Inszenierung. Und dies, obwohl sich der Autor für das Genre des Abenteuerromans entscheidet, um sich wohl gestützt von der zutreffenden Überlegung, somit am ehesten an die Leseerfahrungen und -erwartungen seiner „Zielgruppe“ (scheußlicher Begriff) anlehnen zu können.

Dabei sollte dem DDR-Schriftsteller nicht unbedingt angekreidet werden, daß er sich selbst zum Vorbild nimmt. Wie in dem vor kurzem ebenfalls beim „Rotfuchs“ erschienenen Bändchen „Geheimkurier A“, das Selber in der NS-Zeit spielen läßt, übergibt er auch in seiner neuen Erzählung einem Jungen den Hauptpart des (zunächst) einsamen Einzelkämpfers gegen eine ungerechte, unmenschliche Gesellschaft.

Der Autor erzählt die Geschichte von Hannes, der um 1840 seine Eltern verliert und gemeinsam mit seinen Geschwistern „wie ein Erbgut“ verteilt wird. Sein Onkel Edward Brinnig, der in der Altstadt von Schleswig „eine Großhandlung für alle Dinge des täglichen Bedarfs“ betreibt, nimmt ihn ohne Umschweife auf. Nicht mitmenschliche Anteilnahme am traurigen Schicksal seines Neffen, sondern nüchterne Zweckmäßigkeitserwägungen bewegen den vom Merkantilismus geprägten Patriarchen zu dieser Vormundschaft: Hannes muß dem geizigen Händler als billiger Bote dienen. Als Kapitän Schipmann, Geschäftspartner des alten Brinning und gleichzeitig Herr über „die schnellste Brigg auf der nörlichen Hemisphäre“, Interesse an dem kräftigen Jungen bekundet, pokert der „Adoptivvater“ gerissen um den Preis für den Jungen und entläßt ihn dann mit gespieltem Optimismus in die nächste Zukunft: „Du wirst Afrika erleben und Amerika, du wirst ein großer Mann werden.“ Der an Bord des Handelsschiffes als Moses ausgenutzte Junge gelangt nun auch tatsächlich nach Afrika. Dort eröffnet sich ihm aber nicht die prophezeite glückliche und exotische Welt; Hannes wird in dem fremden Land mit unbarmherziger Unterjochung der schwarzen Bevölkerung und dem Menschenhandel konfrontiert. Schon bald schlägt er sich auf die Seite der ausgebeuteten Einheimischen. Welche Gefahren auf Hannes und seine neuen Freunde zukommen, soll aber an dieser Stelle nicht verraten werden. Hans-Heinrich Obuch