Sie hängen an den Überresten der Zarenzeit, sie ziehen sich buchstäblich daran hoch. Juri, mit Stoppuhr und Leine in der Hand, erteilt das Kommando: "Achtzehn Sekunden sind zu überbieten, Andrej, fertig los!" Andrej stürmt die Ruine in achtzehn Sekunden. Larissa, mit der schicksten Bergsteigerkluft, schafft es in 25 Sekunden. Moskau hat keine Berge, aber 1500 eifrige Alpinisten. Die beste Aufstiegschance bietet ihnen ein Gemäuer, das Katharina II. vor genau 200 Jahren als künstliche Ruine errichten, ließ. Die malerische Kletterwand steht in Zarizyno, wo die Zarin ihre Residenz zu bauen begann, aber dann den Geschmack an der Architektur verlor.

Die Moskowiter sind bekannt für eine ganze Reihe von Hobbys, die aus dem Rahmen fallen. Die "Walrösser", Damen und Herren aller Altersklassen, veranstalten Schwimmfeste in der vereisten Moskwa. Rentner spielen in den Parks bei dickstem Schneetreiben Schach. Sensiblere Naturen bekennen sich zu spiritistischen Sitzungen. Doch den Bergsteigern von Moskau gebührt die Krone der Exotik: Die sowjetische Metropole liegt in einer der größten Tiefebenen der Welt. Dennoch gibt es eine Föderation der Alpinisten, unter deren Dach acht Vereine kraxeln, unter anderem "Lokomotive", Spartak", "Sturmvogel" und "Zenit". Für ihre Expeditionen in den Kaukasus, zum Altai und nach Kamtschatka sammeln sie den Winter über Kondition an Katharinas Mauer oder in den zehn Meter tiefen "Schluchten" der Moskwa.

Die Ruine der Zarin fällt inzwischen allerdings unter Denkmalschutz, sie darf demnächst nicht mehr bestiegen werden. Zum Ersatz hat die Stadt den Bergsteigern ein künstliches Felsenzentrum in Aussicht gestellt. Besonders die Alpinisten von "Zenit" haben sich den Kunstberg redlich verdient. Sie sind im Mai auf den Elbrus gestiegen – dem 60. Jahrestag der Oktoberrevolution zu Ehren. Christian Schmidt-Häuer