Von Heinrich Jaenecke

Es gibt Bücher, die wie Zeitzünder wirken und lange schwelende Konflikte plötzlich aufflammen lassen. Ein billiges Paperback aus Spanien gehört zu dieser brisanten Sorte:

Santiago Carrillo: „Eurocomunismo y Estado“ (Eurokommunismus und Staat); Editorial Critica, Barcelona 1977; 218 Seiten.

Das Buch stellt die Generalabrechnung des spanischen KP-Chefs mit dem dogmatischen Kommunismus Moskaus dar, und es ist zugleich der erste Versuch, den schillernden Begriff „Eurokommunismus“ theoretisch zu umreißen. Im spanischen Vorwahlkampf publiziert, löste die Schrift jetzt den Bannfluch des Kreml gegen die neue Ketzerei aus. Denn Carrillo, rechter Flügelmann im Triumvirat der mediterranen KP-Führer, überschreitet hier endgültig und ungeniert die Grenze zwischen „solidarischer Kritik“ und offener Häresie.

Carrillos Schrift kann als Manifest einer neuen kommunistischen Bewegung gelten, die den russischen Ballast rigoros über Bord wirft, um Standort und Ziele an den Realitäten des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu orientieren und wieder freie Fahrt zu gewinnen.

Der Eurokommunismus stellt, nach Tito und Mao, das dritte Schisma der roten Kirche dar, doch er unterscheidet sich prinzipiell von jenen früheren Abspaltungen. Dem spanischen Parteichef zumindest geht es nicht nur um die Zurückweisung des sowjetischen Führungsanspruchs. Er stellt vielmehr die Fundamente der Lehre selbst in Frage und zögert nicht, die alten Götter zu stürzen. „Lenins Thesen“, so konstatiert er lapidar, „sind heute in den entwickelten kapitalistischen Ländern Westeuropas nicht mehr anwendbar“ – ja, sie seien selbst im Mutterland der Revolution gescheitert: „Lenins proletarischer Staat ist nirgendwo verwirklicht, am wenigsten in jenem Land, das sich uns noch immer als Modell präsentiert.“

Zwar seien einige Fortschritte erzielt worden, aber „die Ungleichheiten bestehen fort; es gibt ungelöste vitale Probleme wie die Versorung der Bevölkerung, die Produktion, die Mitbestimmung. Es besteht die große ungelöste Frage der Demokratie, es bestehen gesellschaftliche Widersprüche und Konflikte, die von einer einseitigen Propaganda vertuscht, aber nicht geklärt werden“. Carrillo beschränkt sich nicht auf die Analyse, sondern geht selbst zum Angriff über: „Diese Probleme müssen von allen Sozialisten mit Mut und Entschlossenheit angepackt werden, in erster Linie von den sowjetischen Genossen ... Heute stellt sich die Frage, ob die Strukturen des (Sowjet)-Staates nicht, zumindest teilweise, ein Hindernis für die Entwicklung des Sozialismus darstellen; ob dieser Staat, so wie er ist, nicht die Entwicklung einer authentischen Arbeiterdemokratie, ja sogar die materielle Entwicklung des Landes blockiert.“