Der berühmteste Schiffsbug, den die Hafenstadt Hamburg jemals vorzuweisen hatte, gehört weder an ein Schiff noch in den Hafen, sondern an ein expressionistisch, empfundenes Bauwerk: das Chilehaus der Bankiersfamilie Sloman. Überraschenderweise waren die Hamburger damals, 1924, selber darüber so ins Schwärmen geraten, daß sie das eigenwillig geformte Kontorhaus aus härtgebrannten, ungewohnt dekorativ verwendeten Klinkersteinen als Kunstwerk begriffen, es gleich nach der Fertigstellung unter Denkmalschutz stellten und für die Fremdenverkehrswerbung benutzten.

Der Stolz über dieses Bauwerk, das im Handumdrehen in der halben Welt bekannt wurde und augenblicklich mit Hamburg so identisch war wie zuletzt Sydney mit seiner Oper, ist unterdessen so zusammengeschrumpft, daß der Stadt zum hundertsten Geburtstag ihres Chilehaus-Baumeisters (und zugleich zum dreißigsten Todestag seines noch wichtigeren Kollegen Fritz Schumacher) nicht viel mehr einfiel als eine jammervoll provinzielle, von den Bürgern mit Recht so gut wie nicht bemerkte Ausstellung. Statt dessen erinnern jetzt Wilhelmshafen und – am interessantesten – die Staatliche Kunstbibliothek Berlin an den Architekten: an Fritz Höger (1877 bis 1949).

In Berlin sind 87 von etwa 440 Zeichnungen ausgestellt, die Högers Frau der Bibliothek vor elf Jahren überlassen hat. Es sind Entwurfszeichnungen von ausgeführten und projektierten Bauten, ein paar Skizzen darunter, die der Stilbezeichnung „expressionistisch“ am populärsten entsprechen: mit weichem Bleistift gezeichnet, von gebrochenen Strahlenkränzen pathetisch überwölbte Gebäudevisionen, auch Ideen für die Hohenzollernkirche in Berlin und für Wassertürme; die Bauernhöfe darunter offenbaren gleichzeitig die Nähe zur Heimatkunst.

– Einer ganzen Anzahl von Blättern sieht man an, daß sie zwei Bränden so eben entgangen sind; sie sind versengt und erhalten dadurch eine seltsam feierliche Authentizität. Es ist interessant zu sehen, wie beispielsweise das Backsteindekor für den Sprinkenhof, das dem Chilehaus schräg gegenüberstehende, noch gewaltigere Bürohaus (mit denen beiden Hamburg schon früh die Kahlschlagsanierung praktiziert hatte) mit dem Zeichenstift entwickelt wurde.

Es ist verwirrend zu erkennen, daß die große Zeit Högers in den zwanziger Jahren genau mit derjenigen zu Ende war, die seinem Denken doch viel näher war und die er. in seinen Reden und Schriften fast wörtlich schon ausgedrückt hat – mit-seiner schwülstig-mythischen Sprache und seinen sentimentalen völkischen Sehnsüchten.

„Du deutscher Bau aus deutschem Blut – du – unserer, Seele Angesicht“, reimte er zum Richtfest seines Hochseefischer-Denkmals; er sammelte „am liebsten Schönes altgermanischen Geistes“ und alles, „was ehrlich aus der Schöpferseele quillt, aus der arteigenen Seele“. Er war nicht auf die Nazis eingeschwenkt, er war lange vorher auf sie zugelaufen.

Das hatte sicherlich auch biographische Ursachen. Der „quirlende holsteinische Bauernjunge“, den er sich nannte, hatte ein ausgeprägtes Heimatgefühl: „Mein Elternhaus, mein Gotteshaus!“ Er, war Zimmermannsgeselle geworden und dann Lehrling in einem Hamburger Architekturbüro. Mit dreißig etwa machte er sich selbständig; er schmeichelte sich, von keiner Akademie verdorben worden zu sein, zog bei Berufsbezeichnung: den Baumeister dem Architekten vor und ließ sich in seinem Büro nicht mit Namen, sondern als „der Meister“ anreden.