Von Eduard Neumaier

In der Regel lassen sich kommunistische Parteivorsitzende durch Schwerbewaffnete vor dem Volk abschirmen. Anders in Ungarn: Janos Kádár, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei, wohnt in einem eher bescheidenen und nicht übertrieben bewachten Haus inmitten des Budapester Prominentenviertels Rosenhügel. Er ist der einfache Mann ohne Anmaßung geblieben, der er immer war, von Herkunft und von Denkungsart. Es darf als Ausweis einer gewissen Volkstümlichkeit gelten, wenn er heute vielbelachtes Opfer eines Unterhaltungskünstlers ist, der Kádárs sparsame Gestik und trockenen Witz nachzuahmen weiß und mit seinen Schallplatten riesige Verkaufserfolge hat.

Geringer geworden ist die Distanz zwischen Parteichef und Volk erst in jüngerer Vergangenheit. Knapp einundzwanzig Jahre ist es her, seit er die Macht im Lande unter wenig rühmlichen Umständen erworben hat. Während des ungarischen Aufstands war er dem Regierungschef Imre Nagy in den Rücken gefallen. Für vier Tage hatte er sich spurlos abgesetzt, um sich, wie sich später herausstellte, mit den Sowjets zu verbrüdern. Wie er mit russischer Hilfe den Aufstand, beharrlich „Konterrevolution“ geheißen, liquidierte, wie er die Hinrichtung Nagys durch die Sowjets duldete, wie er ganz überraschend die Kollektivierung der Landwirtschaft betrieb, als alle die Phase des Aufräumens schon für beendet angesehen hatten – all das zeigt, daß Kádár mit „eisernem Willen“ seine Macht zu gebrauchen verstand, obschon man ihm nachsagt, er habe sich „an das Leben mit der Macht nie gewöhnt“.

Es mag stimmen, daß er die Machtrolle nicht suchte, daß sie ihm nur zufiel, weil er damals den Sowjets und den armseligen Resten der Kommunistischen Partei als der „Possibelste“, als der einzig Mögliche erschien. Unter normalen Umständen wäre er „niemals ein Erster“ geworden, wie ein Kenner beteuert. Machtmißbrauch ist ihm, das Normalverhalten östlicher Potentaten zugrundegelegt, kaum vorzuwerfen. Personenkult um Kádár gibt es nicht. Ämter sammelt er auch nicht. Kádár übt sich in der kollektiven Führung, wobei ihm sein Ansehen in der Bevölkerung einen Vorsprung verschafft.

Er ist dickköpfig und nur schwer von einer verstand abzubringen. Den gesunden Menschenverstand setzt er über den Sachverstand. Sein bäuerliches Herkommen – die Mutter war Magd, der Vater Landarbeiter, er selber Helfer eines Zeitungsjunge, und Tagelöhner bei einem Bauern, Zeitungsjunge, Laufbursche, später Mechanikerlehrling – hat praktische Gaben mehr begünstigt als theoretische. Er hat eine Nase für das Notwendige und Machbare in der Politik.