Das Bild ist bekannt: Nach dem Gottesdienst für Generalbundesanwalt Buback und seine ermordeten Begleiter verlassen Witwen und Trauergäste schmerzverhangenen Gesichts die Kirche. Dieser Tage taucht es in Hamburg wieder auf, in einer jener ultralinken Postillen, die zu Hunderten die Vorhöfe der Hörsäle und die roten Buchläden überfluten. Es ist leicht verfremdet – den Kopf des Bundeskanzlers ziert das Fadenkreuz eines Zielfernrohrs; darunter prangt ein Goethewort, in poppiger Fraktur, wie man es auf Großmutters Sofakissen stickte: „Warte nur, balde/Ruhest du auch“.

Was war da am Werke? Schwarzer Humor unbekümmerter Twens, die sich an der echten oder gespielten Empörung und Angst der Obrigkeit ergötzen? Soll die Karlsruher Bluttat verherrlicht, soll gar zu neuen Attentaten aufgefordert werden? Ein Fall für den Richter? Oder für den Psychiater?

Zumindest wird hier eine Frage an uns alle gestellte Brauchen junge Menschen, die sich von der Heuchelei und Hohlheit mancher politischen Äußerungen angeekelt fühlen, eine papierene Spielwiese, auf der sie im zynischen Übermut ihre Aggressionen austoben können? Müssen wir sie gewähren lassen, damit sie nicht noch tiefer in Haß versinken und in die Solidarität mit Revolverhelden getrieben werden?

Vielleicht hat noch niemand ihnen gesagt, was Menschenwürde ist. Eine Geschichte, sie spielt in der Kaiserzeit, aber im marxistischen Milieu, sollte die bedenkenlosen Uni-Redakteure nachdenklich stimmen. Kurt Eisner, Starschreiber des Vorwärts, hatte durch einen Bericht über einen Homosexuellenskandal Kanonenkönig Krupp zum Selbstmord getrieben. Natürlich hatte er das nicht gewollt. Peinliches Entsetzen packte die Redaktion; sie hatte im Kampf für eine gerechtere Moral ein Tabu verletzt. Beschämt hörte sie Paul Singers „bürgerliches“ Verdikt: „So etwas macht man eben nicht.“

Kj.