Von Dietrich Strothmann

Nur mit Ach und Krach hat die niedersächsische Modell-Koalition von CDU und FDP letzte Woche im Bundesrat ihre erste Bewährungsprobe überstanden. Ministerpräsident Albrecht steht wieder in der Schußlinie von Strauß und Dregger.

Hannover, im Juni

Wo eigentlich liegt Hannover? Am Rhein etwa? Oder, anders gefragt: Welchen Herren dient Ernst Albrecht, das Glückskind an der Leine? Seinem Bundesvorsitzenden Helmut Kohl und dem FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher? Oder, noch schlimmer, beiden, je nachdem? Nach der letzten Woche jedenfalls, die Hannovers Ministerpräsident in der Bundeshauptstadt in schier endlosen, teils harten, teils hektischen Verhandlungen verbringen mußte, ist es nicht mehr so sicher, wo das Land der „sturmfesten und erdverwachsenen“ Niedersachen regiert wird.

Albrecht lacht längst wieder; doch das Geraufe und Gerangel um das „Sozialpaket“ der Bundesregierung im Bundesrat hat Spuren, wenn nicht Wunden hinterlassen. Albrecht meint besänftigend, das Ringen um die Polen-Vereinbarungen (Februar 1976) sei belastender für ihn gewesen, schon der Menschen wegen, um die es damals gegangen sei.

Die jungfräuliche Unbekümmertheit des „Strahlemanns“ indessen, den damals nur eine Zufallsmehrheit im Landtag- auf den kaum erträumten Stuhl des Regierungschefs gebracht hatte, ist endgültig verflogen. So selbstverständlich wie in dem knappen halben Jahr ihrer „Vernunftehe“ jedenfalls werden sich Albrecht und sein Kompagnon, der Innenminister Rötger Gross, künftig nicht mehr über die verschlungenen Wege trauen. Die Koalition hat ihren ersten Knacks weg.

Dabei ist, zur Beschreibung der vergangenen (wenn auch nicht vergessenen oder vergebenen) Krisenwochen, beinahe schon unerheblich, ob sich der FDP-Partner Gross von seinem CDU-Gesellschafter Albrecht zu Recht hintergangen fühlte, als er – nach brieflicher Leitlinie des Regierungschefs – den Beschlüssen des niedersächsischen Kabinetts im Vermittlungsausschuß folgte und dem Sozialpaket zustimmte, sich später von demselben Albrecht aber sagen lassen mußte, er sei von den Bonner Sozial-Liberalen „aufs Kreuz gelegt“ worden. Ohne Belang ist es auch, ob sich der Arztsohn Albrecht aus eigenem Drange oder auf Drängen seiner Oberen von der Bundespartei plötzlich eines anderen besann und Niedersachsens ausschlaggebendes „Ja“ zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen von „ordnungspolitischen“ Zusagen Minister Ehrenbergs abhängig machte.