Wenn Gerhard Stoltenberg, Ministerpräsident aus Kiel, das Visier runterklappt, die Lanze einlegt und gegen den NDR zu Felde zieht, bekommt er den ersten Szenenapplaus bei seinen Reden. Der „rote NDR“ ist ein Thema, an dem sich die Schleswig-Holsteiner Christdemokraten bis zur Weißglut erhitzen können. Stoltenberg braucht keine Noelle-Neumann, um zu wissen, wie schwer es ist, einen Wahlkampf gegen die eigene Rundfunk- und Fernsehanstalt zu gewinnen. Ihm genügt die lateinische Weisheit: „Steter Tropfen höhlt den Stein“ – und das ständige Hören der NDR-Sendungen.

Der NDR ist ein roter Funk mit schwarzen Flecken. Durchproportioniert ist nur die Spitze: Der Intendant Martin Neuffer, 53 Jahre alt, ehemals Oberstadtdirektor von Hannover, ist eine Schöpfung der SPD. Weil seine Parteizugehörigkeit mindestens so ausgeprägt ist wie seine Eitelkeit, wird sein Ego von der Misere des NDR kaum ramponiert. Er ist er, und wenn er untergeht, ist das Gefühl, ein Held zu sein, auch ein Genuß. Genaugenommen ist er schon längst weggegluckert – nicht nur in dem Berg von 78 Millionen Mark Schulden, den der NDR hat, sondern auch, weil selbst seine Partei ihn nicht noch einmal wiederwählen wird. Ihn braucht das nicht zu kratzen. Finanziell ist er in einer splendiden Situation. Seine Pension reicht für drei bis vier Arbeiterhaushalte.

Sein CDU-Counterpart ist der stellvertretende Intendant Dietrich Schwarzkopf, 50 Jahre, im NDR „unser Blacky“ genannt, von der CDU böse als „Johann ohne Land“ tituliert. Was er verhindert, merkt niemand, und was er durchgehen läßt, ist immer noch schmerzlich genug.

Von den Parteien ausgeschaukelt ist auch die Direktorenebene. Zu dem Fähnlein der aufrechten Schwarzen gehören dort neben dem Finanz- und Wirtschaftsdirektor Günter Huckschlag vor allem der bullige Friedrich Wilhelm Räuker, eine Kreuzung von Ostfriese und Westfale. Als Programmdirektor Fernsehen hat er versucht, die Roten mit Brachialgewalt zurückzudrängen, aber durchschlagender Erfolg war ihm nicht beschieden. Zwar rühmt er sich, im Regionalprogramm, bislang einem Vorzeigstück der SPD, mit Horst Seifart einen parteilosen Mann zum Hauptabteilungsleiter gemacht zu haben – aber der unbekannte Seifart ist zu blaß, um aufzufallen, und im Gemeinschaftsprogramm spielt das Regionale eh keine Rolle.

Von den Programmachern auf der Hauptabteilungsleiterebene des Fernsehens ist neben dem integren, aber kaltgestellten Tagesschauchef Hartwig von Mouillard nur einer nachweislich schwarz: Jürgen Möller, verantwortlich für Kunst und Wissenschaft, ein toleranter Adenauer-Fan, ohne politischen Einfluß. Immerhin kann er von sich sagen, daß er schon 1946, in der Ostzone, in die CDU eintrat. Seine Gesinnungsfreunde sind meist kurz vor dem Karrieresprung auf den Parteikarren gehopst.

Zum eisernen Bestandteil der Rechten gehört auch Dieter Meichsner, Hauptabteilung Fernsehspiel; doch hat er unter den Funktionären der Partei nie mitgemischt. Dafür hat er zuviel Qualitätssinn. Er ist der einzige, von dem man noch sagen kann, daß er sich Gedanken über das Programm macht und nicht nur über den Proporz. Alles was drunter ist, gehört fast durchweg ins rote Lager.

Als linker Sender hat der NDR eine Geschichte, die mit Peter von Zahns prononcierter politischer Berichterstattung in den fünfziger Jahren journalistisch vorbildlich begann, die sich über die chronique scandaleuse von „Panorama“ in den sechziger Jahren niemals langweilig fortsetzte und die ihren Höhepunkt und zugleich ihren handwerklichen Abstieg Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre fand, als das Strandgut der 68iger Revolution den NDR zum politischen Asyl machte. Abgebrochene Studenten aus soziologischen Seminaren, Gesinnungsjournalisten aus den Redaktionsstuben von konkret‚ Leute, die zu neuen Ufern aufbrechen wollten und deren Dilettantismus zum Heulen war, pusteten durch die Mikrophone und hievten mit Hilfe gutmütiger Kameramänner, Cutterinnen und Redakteure ihre Filmchen ins Programm.