Während die Bonner Parteien um einen alten Verwaltungserlaß streiten, der Bundesbürgern das sogenannte Bankgeheimnis bescherte, hat die Bundesregierung längst einen Weg gefunden, dem Fiskus Einblick in private Aktiendepots zu verschaffen: Nicht durch Aufhebung des Bankgeheimnisses, nicht per richterlicher Anordnung oder dem Einsatz von Steuerfahndern, sondern freiwillig werden bald fünf Millionen deutsche Aktionäre den Finanzbehörden ihren Aktienbesitz offenbaren.

Nur so können sie vom Segen eines Gesetzes profitieren, das ihnen niedrigere Steuern, höhere Dividenden und vielleicht auch steigende Aktienkurse bescheren soll: das Körperschaftsteuergesetz vom 1. Januar dieses Jahres.

Dieses Gesetz soll zwar der Doppelbesteuerung der Aktie ein Ende bereiten und wurde von links als „Geschenk an die Aktionäre“ befehdet, könnte jedoch dem Fiskus nach Ansicht mancher Experten mehr einbringen als kosten. Zwar werden Gewinnausschüttungen künftig nur noch beim Aktionär mit dessen Steuersatz versteuert. Zuvor werden jedoch beim Unternehmen zunächst 36 Prozent Körperschaftsteuern und beim Aktionär vor der Auszahlung weitere 25 Prozent als Kapitalertragsteuer abgezogen, so daß von 100 Mark Dividende für die Barausschüttung nur 48 Mark übrigbleiben.

Zwar werden die 52 Mark Steuern durch die Ausgabe einer „Steuergutschrift“ mit der späteren Einkommensteuer des Aktionärs verrechnet: Bei niedrigerem Steuersatz kommt für ihn unterm Strich sogar etwas mehr heraus. Großverdiener zahlen indes drauf, wenn sie ihre Steuergutschriften einreichen. Steuerscheue unter ihnen werden deshalb darauf verzichten, denn obendrein erfährt das Finanzamt aus der Steuergutschrift zum erstenmal, in welcher Höhe tatsächlich Aktienbesitz vorhanden ist.

Wer die Steuergutschrift einlöst und zuvor „vergaß“, seinen Depotstand in der Vermögensteuererklärung (Freibetrag pro Person 70 000 Mark) anzugeben, wird jetzt nämlich vom Finanzamt auf die Unterlassung aufmerksam gemacht; schlimmstenfalls durch Steuerfahnder, die an die Türe klopfen. jfr.