Von Rolf Zundel

Bonn, im Juni

Die Bundesrepublik, in dieser Einschätzung darf man Ludwig Erhard folgen, ist wieder wer. Wer sie ist, darüber gehen die Meinungen freilich auseinander. Entsprechend unsicher, zuweilen komisch wirken die Versuche ihrer Selbstdarstellung – wie die Geschichte des Bonner Geschenks an die Vereinten Nationen zeigt.

Die Aufnahme eines Landes in die Vereinten Nationen vollzieht sich ja nicht nur im Ablauf des politischen Zeremoniells, der krönende Abschluß dieses Rituals ist die Übergabe eines Geschenks. So will es die diplomatische Regel. Im Falle der Bundesrepublik warten die Vereinten Nationen immer noch auf das versprochene Geschenk. Sie sind, das muß man einräumen, allerdings Wartezeiten gewohnt. Schließlich muß überlegt werden, wie ein Land sich darstellt – eine Überlegung, die in der Bundesrepublik zu einer veritablen Entscheidungsneurose darstellt hat.

Lumpen lassen wollte sich die Bundesrepublik auf keinen Fall, das war am Anfang ganz sicher. Zwei gewaltige Projekte standen zur Wahl, eine „Glitzerwand“ in der Wandelhalle und eine Stahlstele (unter diesem etwas irreführenden Begriff, der normalerweise altgriechischen Grabsäulen vorbehalten ist, ist das Projekt in die Bonner Diskussion eingegangen) von Professor Mack auf dem Rasenplatz beim UN-Gebäude. Die Sympathien neigten sich der Stele zu; sie sollte 76 Meter hochragen und, so glaubte man, für zwei Millionen Mark zu kriegen sein.

Die Phantasie in Bonner Amtsstuben erschuf sich ein Wunderwerk: Teil der New Yorker Skyline, Verschwisterung von Kultur und Technik, Beweis der Leistungsfähigkeit deutscher Stahlindustrie, Attraktion für New Yorker und Touristen, himmelhohes Symbol für die große Bedeutung, die den Vereinten Nationen von der Bundesrepublik zugemessen wird. Die Stele wurde zum Allzwecktraum deutscher Größe. Sogar die strikte Ablehnung des Bonner Finanzministers konnte die Begeisterung nicht ganz dämpfen; im Auswärtigen Amt überlegte man, ob nicht Industrie und Gewerkschaften sich an der Finanzierung beteiligen könnten.

So ungefähr war der Stand der Überlegungen kurz nach dem Beitritt, der am 18. September 1973 stattfand. Jahre später wurde in Bonn das veranstaltet, was der ehemalige amerikanische Außenminister John Foster Dulles agonizing reappraisal genannt hat – ins unterkühlte Beamtendeutsch übertragen: eine schmerzhafte Überprüfung der Bonner Position. Inzwischen war übrigens das Geschenk der DDR, die ja zusammen mit der Bundesrepublik in den politischen Gnadenhimmel zugelassen worden war, schon längst deponiert: eine ziemlich konventionelle, im Stile des sozialistischen Realismus gefertigte Plastik für den Garten.