Hervorragend:

Frankie Miller: "Full House". Trotz ihrer – rein technisch betrachtet – begrenzten Modulationsfähigkeit ist die raspelig-expressive Bluesstimme dieses Sängers aus Glasgow ein Ereignis von ähnlichem Rang wie vor zwanzig Jahren die eines Ray Charles. Rock-Songs wie "Down The Honkytonk" und "Be Good To Yourself" singt Frankie Miller mit der Autorität eines trinkfesten Soul-Bruders: aus der Gully-Perspektive des Alkoholikers, der nur zu gut weiß, wovon er spricht. Die langsamen Rythm & Blues-Balladen, im typischen Stil des Memphis-Soul arrangiert, verweisen auf sein Vorbild Otis Redding. Gleichgültig, ob er John Lennons autobiographisches "Jealous Guy", Folk-Nummern wie "Searching" oder Pop-Klassiker wie "Love Letters" singt, seine Interpretationen gewinnen diesen Liedern immer noch neue Nuancen ab. Und "Full House" ist insgesamt nicht mal sein bestes Album. Aber die drei voraufgegangenen LPs wird man leider, meist vergeblich im Plattengeschäft suchen. (Chrysalis 6307 597) Franz Schöler

Hörenswert

Sonny Terry & Brownie McGhee: "I Was Born With The Blues". So ist das auch: mit dem Blues geboren – der 65jährige (mit dreizehn erblindete) Mundharmonikaspieler Terry und der um vier Jahre jüngere Gitarrist McGhee, beide auch Sänger, beide seit 1939 als Duo beieinander. Es ist schwer, sich ihrer urigen Kraft zu entziehen, dem jugendlichen alten Schwung, den Seufzern und Jammerschreien der Mundharmonika, den Bluesgeschichten, dem teils wehmütigen, teils ironischen Gesang, nicht zuletzt dem Eindruck, die beiden Volksmusikanten seien eins miteinander. Ihre Blues-Melancholie klingt niemals verbittert oder resigniert, sondern manchmal geradezu fröhlich. (AVES/Metronome 59.009)

Manfred Sack

Ärgerlich

"Die Deutschland-Chöre singen für uns". Nach den Fischer-Chören und ihrer aufdringlichen Popularität gibt es nun eine mit dem gleichen. Ehrgeiz ausgestattete Konkurrenz mit dem ziemlich anmaßenden Namen "Die Deutschland-Chöre". Wie viel oder wie wenig es davon auch im schönen Westerwald gibt, sie haben eine Frau als Leiterin: Irmgard Sode, eine, wie ausdrücklich erwähnt wird, studierte Chordirigentin mit Staatsexamen. Aber das macht die Sache eher schlimmer: Sie läßt "weltberühmte Melodien" singen, darunter ganz schauerliche Bearbeitungen etwa von Mozarts A-Dur-Sonate KV 331, Dvořáks "Humoreske" oder "Plaisir d’amour". Die Volkslieder werden durch aufdringliches Arrangement und zackigen Marschstiefelrhythmus furchtbar zugerichtet, andere – wie "Guantanamera" oder "Greensleeves" – musikalisch so stramm eingedeutscht, daß von ihren Ursprüngen nur noch resignierende Erinnerung bleibt. (RCA PL 29 410) Manfred Sack