Nach zehn Jahren der Diskussion tritt am 1. Juli 1977 das neue Familienrecht in Kraft

Nicht viele Reformgesetze sind von der Öffentlichkeit mit so viel Aufmerksamkeit verfolgt worden wie die Entstehung des neuen Ehe- und Scheidungsrechts. Von den politischen Parteien über die Bischöfe der christlichen Kirchen bis zum Hausfrauenbund und der Weltorganisation der Mütter, aller Nationen hat die organisierte Öffentlichkeit den Werdegang des Gesetzes verfolgt und durch Kritik auf seinen Inhalt Einfluß genommen. Die Wellen der Emotion gingen manchmal hoch: „Gefährdung der abendländischen Kultur- und Rechtstradition“ fürchteten die einen, vor „Konzessionen unter dem ideologischen Druck klerikaler Kreise“ warnten die anderen.

Dabei ging es von Anfang an nicht mehr um das „ob“, sondern allein um das „wie“ der Reform. Daß die Hausfrauenehe als gesetzliches Leitbild nicht mehr paßt und daß das Schuldprinzip im Scheidungsrecht weder als Voraussetzung für eine Scheidung noch als Anknüpfungspunkt für ihre Folgen zu befriedigenden Ergebnissen führt, war praktisch unumstritten. Der Kampf ging um Einzelheiten der Reform.

Das Ergebnis dieses Kampfes ist vor einem Jahr im Bundesgesetzblatt verkündet worden; Zeit genug, sich auf das neue Recht einzustellen. Vom 1. Juli an gibt es nun kein gesetzlich verordnetes Hausfrauenschicksal mehr. In der modernen Ehe müssen Mann und Frau sich über Berufstätigkeit und Hausarbeit verständigen. Im Scheidungsverfahren soll mehr Fairneß herrschen und weniger „schmutzige Wäsche gewaschen“ werden. Auf die Frage nach der Schuld kommt es jetzt nicht mehr an, sondern nur noch darauf, ob die Ehe gescheitert ist oder nicht.

Das neue Recht bringt denen, die in Zukunft geschieden werden wollen, handfeste Vorteile:

1. Niemand kann lebenslang in einer zerbrochenen Ehe festgehalten werden. Spätestens nach fünf, meist schon nach drei Jahren des Getrenntlebens kann ein Ehegatte die Scheidung auch gegen den Willen des anderen durchsetzen. Die Ehe als Strafe für den untreuen Partner gibt es nicht mehr.

2. Die nicht berufstätige Hausfrau braucht eine Scheidung nicht mehr zu fürchten wie die Heimsuchung durch den Teufel. Wer jahrelang der Familie wegen nicht gearbeitet hat, wird finanziell sehr viel besser gesichert sein als bisher.