Auf der Isle Man findet jährlich das berühmteste Motorrad-Rennen der Welt statt / Von Rolf Kunkel

Vom Beck der Fähre wirkt die Inselhauptstadt Douglas wie ein kleiner Mittelmeer-Badeort. Die weite Bucht, eine kilometerlange Strandpromenade, dahinter eine Batterie weißgestrichener Häuser, alles Hotels. Erwartungsvoll blicken die Passagiere auf die Umrisse des kleinen Eilands; der Isle of Man, mitten in der Irischen See. Viele sind wie der Traum eines Lederfetischisten gekleidet: enge Lederhosen, Lederjacken, Lederstiefel, Lederhandschuhe, deutlich erkennbar Angehörige der Sekte der Motorradfahrer auf dem Wege zu ihrem Wallfahrtsort. Ihre auf Hochglanz polierten Maschinen in Griffweite daneben, ein bißchen Easy-Rider-Romantik gehört dazu. Die meisten waren schon mal hier, begierig inhalieren sie stets aufs neue das Gemisch aus Renn- und Urlaubsatmosphäre. Haben die Reifenprofile ihrer Maschinen einmal den Inselboden erfaßt, drehen die Fahrer voll auf und verschwinden mit donnerndem Getöse. In einer Stunde haben sie die Insel von Nord nach Süd durchquert. Es gibt keine Parkuhren, keine Alkoholtests und außerhalb der wenigen Ortschaften auch keine Geschwindigkeitsbeschränkungen. Niemand würde mit seinem Zweirad die teure Reise antreten, dürfte er nur 50 km/h fahren. Die Isle of Man hat zwei unschlagbare Vorteile: Fahrer und Fans finden sie gleichermaßen unwiderstehlich, und die Motorradwerke kennen noch immer kein prestigeträchtigeres Ziel, als ihre Maschinen bei der Tourist Trophy siegen zu sehen.

Als in England vor Jahrzehnten die Straßenrennen verboten wurden, beschlossen die Bewohner der Isle of Man ihre Einführung. So entstand die Tourist Trophy. In der Optik der Welt erhielt sie schnell ein mörderisches Image. Die Zahl der Toten schwankt, es kommt darauf an, wen man fragt. Die offizielle Statistik ist bei 110 Opfern angelangt. Den Prominentesten wurde ein Denkmal an die Strecke gesetzt, die anderen ruhen gleich neben der Startlinie auf dem Inselfriedhof. Stereotyp kehren die Grabinschriften wieder: „Er starb für den Sport, den er liebte.“ Was lieben sie daran so, was fasziniert sie, daß sie zu jedem Opfer bereit sind? Die Antworten münden allemal in das Bekenntnis: Es ist eine Passion, und die läßt sich rational nicht erklären.

Die T. T. ist eine typisch englische Veranstaltung. Wo sonst würde der Radiosprecher eine Beethoven-Symphonie unterbrechen, um eine neue Rekordrunde zu melden, und wo sonst würde man einige morsche, blaßgrün gestrichene Holzteile Haupttribüne nennen? Dahinter erhebt sich eine Miniatur-Zeltstadt. Viele Fahrer nächtigen im Freien, die Startgelder decken nicht einmal die Fährkosten. Nur die Stars haben Hotelanschriften, ihre Rechnungen werden in Tokio bezahlt. Der Rennsport ist fest in Händen der Japaner, die Modewörter heißen Honda, Suzuki oder Yamaha. Der Honda-Konzern mobilisierte einen alten Bekannten: Phil Read. 1972 kehrte der achtmalige Weltmeister der Insel den Rücken und löste eine Boykottaktion der Spitzenfahrer aus, die damit endete, daß die internationale Motorsportbehörde der T.T. den Status einer Weltmeisterschaft nahm. Die Regierung kompensierte die wegfallende Punkte-Attraktion mit einer drastischen Erhöhung der Preisgelder. Vor fünf Jahren bei seinem letzten Start erhielt Read 25 Pfund, 1977 hatte er – wie jene berichten, die ihre Ohren an den Kassen der Veranstalter haben – 10 000 Pfund sicher, bevor er zum ersten Rennen startete. Gefahren wird mit Serien-Produktionsmaschinen, die theoretisch jeder Händler verkauft; in der Praxis sind es von den besten Mechanikern hochgetunte Maschinen, die mit einem Straßenzweirad soviel Ähnlichkeit haben wie ein Bierkutscherpferd mit einem Derbystarter.

Douglas hat 20 000 Einwohner, dazu kommen jedes Jahr 30 000 Besucher, 10 000 davon bringen ihre Feuerstühle mit. 600 Bürger werden zu Hilfspolizisten auf Zeit vereidigt. Für 14 Tage besteht ihr Leben aus dem öffnen und Schließen von Straßen. Sie haben Arrestvollmacht, den Anwohnern ist in den T.-T.Wochen das Betreten ihrer Straßen per Gesetz untersagt. Sie igeln sich in ihren Häusern ein, verbarrikadieren die Steinfronten mit Sandsäcken, halten Kinder, ihre berühmten schwanzlosen Inselkatzen und Hühner unter Verschluß und warten gottergeben, bis die Heimsuchung vorbei ist.

Die Tourist Trophy ist eines der letzten klassischen Straßenrennen. Es wird auf Landstraßen gefahren, den Verkehrsadern der Insel. Eine Runde ist 60 Kilometer lang, sie führt durch eine Landschaft, die der Eifel ähnelt. Wer das noch nie erlebt hat, dem jagt das bloße Zuschauen einen Schrecken in die Glieder: überall Steinmauern, Telegraphenmasten, Häuserwände, Bäume und holprige Asphaltdecken, auf denen die Fahrer zu Reitern werden. Sie können es sich keine Sekunde leisten, mit den Augen zu blinken, Wer hier von der Strecke kommt, trifft unweigerlich auf etwas Hartes. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: über den Mut der Fahrer oder über ihren Leichtsinn. Zehntausende säumen die Strecke: Der Rennsport ist die große Oper für all diejenigen, denen Karajan zu musikalisch und Fußball zu langsam ist. Seitenwagenweltmeister Rolf Steinhausen erzählt, daß er bei einer Bergabfahrt mit 270 gestoppt wurde. Die beste Position, erklärt sein Beifahrer, habe er, wenn er sich so weit hinauslehnt, daß er mit dem Rücken die Straße spürt. Die schweren Solomaschinell erreichen Tempo 300. Bei diesen Geschwindigkeiten müssen die Fahrer zwei Kurven vorher wissen, was dahinter kommt – und das über 60 Kilometer. Das menschliche Gedächtnis vermag jedoch nur ein bestimmtes Pensum zu bewältigen. Hinzu kommt, daß sich viele Streckenabschnitte ähneln, aber jede Kurve erfordert ein anderes Tempo. Alle sind sie hier schon vom Rad gefallen, und stets hat es weh getan. Aber sie kommen immer wieder, die meisten müssen noch Geld mitbringen.

Man kann über sie lächeln, sollte sich indes nicht über sie lustig machen. Ihr Leben ist beneidenswert aufregend und ausgefüllt, Langeweile kennen sie nicht. Risiko heißt ihr ständiger Begleiter, und der hält sie in Schwung. Ihre Rennphilosophie ist denkbar einfach: Man darf eben keinen Fehler machen, und macht man doch einen, ist man selbst schuld. Mit der Tourist Trophy verhält es sich wie mit der nächstbesten, nassen Kopfsteinpflasterkurve, die der Autofahrer zu schnell angeht. Anschließend wundert er sich, daß er von der Straße gekommen ist.

Man kann eine Strecke nur so schnell befahren, wie diese es zuläßt. Das ist trotz oder gerade wegen der enorm schnell gewordenen Maschinen keine leichte Aufgabe. Früher fuhr der Fahrer mit 130 durch eine Kurve, das war alles, was sein Motor hergab, er konnte gar nicht schneller. Heute besteht das Kunststück darin, die Kurve, die sich nicht verändert hat, wie eh und je mit 130 zu nehmen. Versucht er es mit 150 oder 160, hat er Probleme. Versucht er es bei der Tourist Trophy, hat er große, manchmal sogar sehr große Probleme, gegen die auch die Ärzte kein Mittel mehr wissen.