Es kann keine Rede davon sein, daß der Nationalsozialismus bei uns bewältigt ist. Tägliche Beobachtung lehrt, daß zum einen bei der Jugend, was den Nazismus angeht, die Kenntnisse erschreckend mager sind, zum anderen, daß der Nährboden, aus dem er hervorwuchs, nach wie vor besteht. Insofern sind Bücher wie

Dietrich Seiffert: „Einer war Kisselbach“, Roman; Bitter-Verlag, Recklinghausen; 160 S., 16,80 DM

immer wieder wichtig: Der Autor berichtet in einer Mischung aus Erzählung und Zeitbericht, offenbar auf Grund eigener bedrängender Erfahrung, aus der Jugend des Hans-Joachim Kisselbach, genannt Shatterhand, der am 30. Januar 1933 (dem Tag der „Machtergreifung“, mit dem der Bericht einsetzt) elf Jahre alt war und auf Drängen der Mutter, nach Eintritt des Vaters in die Partei speziell zu diesem Zweck, in eine „Napola“ eingeschult wird. Dort wird er zur Härte gegen sich und andere erzogen und setzt sich im Kriege als Marinesoldat bis zum letzten Augenblick ein, obwohl ihn eine Reihe bitterer Erfahrungen eines anderen belehrt haben müßten.

Weniger er als jedoch der Leser wird durch eine Kette einprägsamer Szenen zugleich im treffenden, leicht distanziert vorgetragenen Jargon der Zeit mit seinen Phrasen belehrt, erfreulicherweise ohne Lehrhaftigkeit und ohne daß Langeweile aufkommt. Chronologisch geschickt wird das Erleben Kisselbachs mit den überindividuellen Ereignissen verzahnt, zu denen eine (zu knappe) Zeittabelle im Anhang Erklärungen liefert. Lehrer, Jugendführer und Gleichaltrige in typisierter Charakteristik begleiten den Protagonisten auf seinem Weg bis zum bitteren Ende.

Die wirkungsvolle Chronik füllt in der neueren Jugendliteratur eine Lücke, da man sich nach der zeitgeschichtlichen Phase der Vergangenheitsbewältigung in den sechziger Jahren mit Autoren wie H.-G. Noack, H. P. Richter, W. Bruckner, W. Fährmann lange Zeit nicht mehr so recht an das immer noch heikle Thema herangewagt hat.

Das Buch bedarf einer Ergänzung: Gerade die Verknüpfung seiner Thematik mit dem Vorher und Nachher könnte den Eindruck vermeiden, daß der Nationalsozialismus nur eine Art „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte gewesen sei; seine nach wie vor bestehenden Voraussetzungen spart das Buch aus. Malte Dahrendorf