Die documenta 6: das ist eine Veranstaltung, und das ist ein Thema. Die Veranstaltung und das Thema gehören zusammen, aber sie sind deshalb nicht in allen Teilen identisch. Die Veranstaltung: hundert Tage zeitgenössische, internationale Kunst in Kassel, also Malerei, Plastik, Zeichnung, Video, Photo, Film auch. Wozu die Frage gehört: funktioniert diese Veranstaltung? Das Thema: die zeitgenössische Kunst. Und die Frage: Ist das, was in Kassel gezeigt und gemacht wird, die Kunst dieser Zeit, und wie sieht sie aus?

Im Zusammenhang mit der Veranstaltung ist zunächst eine Mitteilung der letzten Ausgabe der ZEIT zu korrigieren: die Handzeichnungsausstellung war doch pünktlich zu sehen. Die Arbeitsgruppe dieser Abteilung hatte eine Woche vor der Eröffnung wegen Wassereinbrüchen im Gebäude der Orangerie die Arbeit unter Protest niedergelegt und versichert, die Verantwortung für die Blätter mache eine Verschiebung des Ausstellungsbeginns nötig. Sehr plötzlich und nach unbürokratischer und intensiver Unterstützung der Stadt Kassel war das Unmögliche dann doch möglich: über Nacht wurde eine funktionierende Klimaanlage installiert, gab es Luftentfeuchtungsapparate, war das Dach repariert. Die Handzeichnungsausstellung ist, im Vergleich der Abteilungen, der Höhepunkt der documenta. Die Ordnung des Themas (nicht nur im Katalog nachzulesen, sondern auch an den Wänden zu sehen) und die Qualität der Auswahl ergeben einen im Konzept wie im Detail umfassenden Überblick über den Zustand und die Möglichkeiten der Handzeichnungen heute. (In jeder Ausstellung wird Kunst ruiniert. Im Kasseler Regen wurden vier Blätter zerstört, einige andere in Mitleidenschaft gezogen, das Verantwortungsgefühl der Mitglieder der Arbeitsgruppe blieb unversehrt.)

Das Gegenbeispiel zu dieser Ausstellung muß man nicht lange suchen: die Abteilung Malerei. Auch Evelyn Weiss und Klaus Honnef, für Malerei und Photographie verantwortlich, hatten den Rücktritt erwogen, dann weitergemacht, auf der Pressekonferenz mitgeteilt, daß ihr „Konzept in seiner Klarheit“ in der Enge der ständig verknappten Ausstellungsfläche nicht mehr erkennbar und nur noch im Katalog nachzulesen sei. Und dann erklärten sie am Eröffnungstag doch noch, für diese Ausstellung nicht mehr zuständig zu sein. Voraufgegangen waren vorletzte Kräche innen und erste Kritik von außen, schließlich hatten Marcus Lüpertz und Georg Baselitz, selber ehemalige Bürger der DDR, ihre Bilder zurückgezogen aus Protest gegen den absurd überproportionierten Beitrag der DDR. Nun sind zwar die fehlenden Baselitz und Lüpertz kein Verlust für die documenta, gerade weil ihre spätexpressionistische Attitüde im Superformat dem leicht aufgebrochenen sozialistischen Realismus der Staatskünstler Willi Sitte und Bernd Heisig so ungemein ähnlich ist. Wenn aber in einer von den Verantwortlichen zwar nicht für vollendet, aber doch für fertig erklärten Ausstellung noch nach Belieben Bilder, und Plastiken hin- und hergehängt und geschoben und ganze Kojen total verändert werden, dann zeigt das vor allem, wieviel Unsicherheit und Unkonzentriertheit hier im Spiel waren. So schlecht, wie die Malerei sich in Kassel darstellt, ist sie nicht. Hier hat man nicht nur mittelmäßige Talente durch einen großen Anspruch überfordert, sondern es auch geschafft, große Maler wie de Kooning und Jasper Johns mit schlechten Bildern unter ihr Niveau zu bringen.

Hier die glückhaft gelungene Zeichnungsausstellung, dort die unselig mißlungene Malereiausstellung. Wem die Kunst wichtig und lebensnotwendig ist, der kann über diesen harten Kontrast nicht fröhlich sein. Es gibt in Kassel dazwischen viele Schattierungen, weil andere Abteilungen, es gibt überall Entdeckungen wie die von George Trakas doppelter Brückenkonstruktion „Union Pass“ oder Wiederbegegnungen wie die mit André Thomkins’ kleinem Blatt „Bollwerk“. Aber insgesamt macht diese documenta den Eindruck eines verwirrten und verwirrenden Jahrmarkts. In dieser Atmosphäre, die sich zwischen platter Maßstablosigkeit und hohem Niveau, kurzatmigen Repetitionen und weitgreifenden Phantasien entfalten, hat die „Honigpumpe“ von Joseph Beuys eine Funktion, die den nur teilweise funktionierenden Organismus namens documenta sehr sinngebend umfaßt und befriedet. Installiert im Museum Fridericianum, wo die Gegensätze am härtesten aufeinander stoßen, ist in einem einsehbaren Keller ein Elektromotor, der mittels einer in Butter rotierenden Kurbelwelle drei Zentner Bienenhonig durch ein dünnes Rohr im Treppenhaus in die Höhe pumpt. In einem durchsichtigen Plastikschlauch sinkt die goldgelbe, von zierlichen Luftbläschen aufgelockerte Flüssigkeit denn wieder herab, zirkuliert in vielfachen Schlingen durch den Raum der Beuysschen „Freien Hochschule für Kreativität und interdiziplinäre Forschung“, sammelt sich in einem Reservoir, der Kreislauf beginnt von neuem. Es bedarf keiner honigsüßen Worte, um die harmonisierende Kraft dieser zarten Installation, um den optimistischen Hinweis dieser „sozialen Plastik“ auf die Kraft der Fluktuation zu beschreiben.

„Die Medien in der Kunst und die Kunst in der Medienwelt“ hatte das zunächst vom Komitee formuliert, von der Kritik heftig demolierte und dann vernünftigerweise als „Suchanleitung“ modifizierte Konzept der documenta 6 gelautet. Zur weiträumigen und ausführlichen Integrierung der technischen Medien Photo, Fernsehen, Video und Film in die ursprünglich einmal „Museum für 100 Tage“ genannte documenta hätte es der verbalen Klimmzüge nicht bedurft. Und was mit diesem Satz noch gemeint war, läßt sich in einem Konzept, das nicht an sich selbst ersticken will, kaum thematisieren und einer Ausstellung, die nicht beweisen will, sondern informieren, nicht als Zwangsjacke anmessen. Die Kunst steht neben sich selber, ist sich selber zum komplizierten Thema geworden: das war die andere, die grundsätzliche Mitteilung des Konzepts. Das ist zwar keine ganz neue Mitteilung mehr. Malewitsch hat mit seinem ‚Schwarzen Quadrat“ schon 1915 die reine Gegenstandslosigkeit zum Gegenstand der Malerei zu machen versucht. Aber inzwischen ist aus der isolierten Erfahrung eine allgemeine Lage geworden, nicht zuletzt auch durch rasche Kommunikation. In dieser Situation ergibt sich die Frage: Was teilt die aus einem veränderten Selbstverständnis entstandene Kunst mit, welche Auskünfte gibt sie, die jenseits einer ersten Betroffenheit, Belustigung, Fremdheit oder auch Gleichgültigkeit liegen?

Auf der documenta 6 gibt es, über Ballast hinweg und durch Irritation hindurch, Dinge zu sehen und Erlebnisse zu sammeln, die sich nicht zu einem kompletten System reihen lassen, die aber in Zusammenhänge gebracht werden können.

Spätestens, nachdem man die mit überdeutlicher Aussage befrachteten, eine schwarzweiße Welt der Edelmenschen und Bösewichte simulierende realistische Malerei der DDR betrachtet hat, fällt auf, daß der Mensch als Motiv der Kunst auf dieser documenta fast ganz fehlt (das war auf der documenta 5 mit ihrer Photo-Realismus-Abteilung ganz anders). Die Beschreibung der Ausnahmen skizziert die Situation. In der Zeichnungsausstellung gibt es zum Beispiel eine Gruppierung „Menschenbild – Vision, Konstruktion, Deformation“. Aber als Porträt im direkten Sinn des zitierenden Abbildes fallen hier eigentlich nur noch David Hockneys Zeichnungen seiner Freunde auf, besonders das zartlinig versponnene Blatt „Celia reading Madame Bovary“. Die anderen Menschendarstellungen fixieren Disharmonie, Deformation und sind, bis hin zu Arnulf Rainers Auflösung der Physiognomie in albtraumbesetzte Gesichtslandschaften, mehr Psychogramm als Physiognomie.