Willy Brandt macht gut Wetter in Polen

Von Eduard Neumaier

Warschau, Ende Juni

Willy Brandt und Polen – es scheint, als kämen beide ohne Symbolträchtigkeit nicht aus. Als Brandt vor sechseinhalb Jahren, am 7. Dezember 1970, in Warschau landete, da zeigte sich Polens Himmel in düsterem Grau. Auf den Gesichtern lag tiefer Ernst. Zwischen den Politikern, die sich begegneten, und zwischen den zwei Völkern, die einen neuen Anfang wagen wollten, stand eine unsichtbare Barriere. Wladyslaw Gomulka und Jozef Cyrankiewicz, Parteichef und Ministerpräsident, Willy Brandt und Walter Scheel, Bundeskanzler und Außenminister – keiner von ihnen wußte, welchen Gang das Ereignis nehmen würde. Der Bonner Kanzler, soviel stand fest, war als Wegbereiter gekommen. Der deutsch-polnische Vertrag mit der in Watte gepackten Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze sollte in eine lichtere Zukunft weisen.

Sechseinhalb Jahre später landete Brandt wiederum auf dem Warschauer Flughafen, kam aus einem wolkigen Himmel, hier dicht und dunkel, dort leicht und lose – ein getreues Bild deutschpolnischer Wirklichkeit.

Viel hat sich seit damals verändert, nicht nur das Klima. Der Mann aus Bonn kam nicht mehr als Kanzler und Wegbereiter mit der Boeing der Luftwaffe – er entstieg etwas steifbeinig und abwesend-müde als sorgengeplagter Parteichef einer Sondermaschine der polnischen Luftfahrtgesellschaft Lot. Ihn begrüßte auch keiner aus der polnischen Parteigarde von 1970; nur der schmächtige, neben Brandt fast verschwindende ZK-Sekretär Edward Babiuch, ein Vertrauter Edward Giereks, des Mannes, der zwei Wochen nach der Vertragsunterzeichnung von 1970 von blutigen Arbeiterunruhen ins Amt des Parteichefs gespült wurde.

Willy Brandt kam auch nicht als Unterhändler – er hatte den Polen keine Vereinbarungen anzubieten, konnte ihnen nichts versprechen. Er kam freilich mit einer ausgesuchten Delegation. Der Kanzler-Staatsschreiber Hans-Jürgen Wischnewski erschien wie geeignet, allzuviel Verbindlichkeit, aber auch allzuviel Unverbindlichkeit zu verhindern; der vom Partei-Establishment wohlgefällig adoptierte einstige Juso-Chef Karsten Voigt repräsentierte den guten Willen der entspannungsbewegten Parteilinken. Den Polen freilich war Willy Brandt genug. Er ist ein Symbol für politisch-moralische Werte. Ein oppositioneller Katholik sagte in illustrer Gästerunde: „Brandt gilt den polnischen Bischöfen mehr als manchen deutschen Demokraten, die sich als christlich bezeichnen.“