/ Von Hayo Matthiesen

Das hatte es selbst in der Carnegie Hall noch nicht gegeben: noch auf dem letzten Notsitz hockte jemand, über tausend Menschen warteten draußen, es war Montag, der 8. Dezember 1913, und ganz New York war in die vornehme Konzerthalle geeilt, um – eine Frau zu feiern: Maria Montessori, eine Pädagogin aus Italien. Vielleicht war es der schönste Triumph in ihrem Leben; bestimmt war es der Höhepunkt ihrer Karriere: Sie zählte gerade 43 Jahre.

Ein Redner scheute sich nicht, sie als „die größte Erzieherin der Geschichte“ zu begrüßen, deren Werk „die Erziehung in unserer Zeit revolutionieren“ werde. Das war kräftig übertrieben und auch nicht die allgemeine Meinung; bis auf den Tag hat sich diese Prognose nicht erfüllt. Immerhin: Ihre Bücher sind in 22 Sprachen übersetzt; ein paar tausend Schulen in aller Welt – in Indien und Holland, Japan, England, Mexiko, selbst in den Entwicklungsländern steigt die Nachfrage – arbeiten nach den Prinzipien, die Maria Montessori herausfand, lehrte, mit beträchtlichem Geschick und mit Strenge verwaltete und kommerzialisierte. Kein Zweifel: eine absolut ungewöhnliche Frau und als Pädagogin neben dem Amerikaner John Dewey, dem Engländer Alexander S. Neill, dem Russen Anton Makarenko und dem Deutschen Georg Kerschensteiner die prägende Persönlichkeit der Erziehungsgeschichte im 20. Jahrhundert.

Vom Montag nächster Woche an wird ihr Name in der Bundesrepublik gefeiert: Fünf Tage lang findet in München der 18. Internationale Montessori-Kongreß statt, auf dem sich – das erstemal überhaupt, seitdem es die Montessori-Pädagogik gibt – einige Hundert Ärzte, Erzieher und Psychologen, Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern und Sozialarbeiter mit den Problemen des behinderten Kindes beschäftigen (4. bis 8. Juli). Für Deutschland ist es ein ganz besonderes Treffen; es findet nur deshalb in Bayerns Metropole statt, weil dort der Kinderarzt Professor Theodor Hellbrügge ein in der ganzen Welt nahezu einmaliges Modell aufgebaut hat: ein Zentrum, in dem behinderte und gesunde Kinder gemeinsam unterrichtet werden, und zwar nach der Pädagogik der Maria Montessori. Ähnliche Versuche bestehen in Milwaukee, Paris, Turin. „Unsere Erfahrungen mit dem behinderten Kind“, sagt Hellbrügge, „weisen für die internationale Montessori-Pädagogik einen neuen Weg.“ So steht es in dem jüngsten Buch des Kinderarztes; zusammen mit zwei anderen Werken über Maria Montessori erscheint es in diesen Tagen –

Theodor Hellbrügge: „Unser Montessori-Modell – Erfahrungen mit einem neuen Kindergarten und einer neuen Schule“; Kindler Verlag München, 1977; 304 S., Abb., 24,– DM

Rita Kramer: „Maria Montessori – Leben und Werk einer großen Frau“; Kindler Verlag München, 1977; 380 S., 38,– DM