Ein trauriges Kapitel deutscher Hochschulpolitik

Von Ralf Dahrendorf

Daß zehn Jahre nach einer Universitätsgründung ein ganzes Buch über diese Zeitspanne geschrieben werden kann, ist an sich schon beachtlich. Daß dieses Buch nicht nur lesbar, sondern auch voller Einsichten, Ideen, historischer und soziologischer Hintergründigkeit ist, macht Konstanz zu einer noch immer einzigartigen Gründung. Das gilt auch dann, wenn ein Hauch von Wehmut über dem ganzen liegt. "Literaturwissenschaft in Konstanz", schreibt Wolfgang Iser, "das war einmal ein Programm." Als pars pro toto könnte der Satz über dem ganzen Opus stehen. So ist es vor allem die Frage, warum dieses "war einmal" sein muß, die den Leser begleitet bei der Lektüre des Buches –

"Gebremste Reform – Ein Kapitel deutscher Hochschulgeschichte, Universität Konstanz 1966–1976", herausgegeben von Hans Robert Jauss und Herbert Nesselhauf; Universitätsverlag Konstanz, 1977; 350 S., 68,– DM.

Jauss und Nesselhauf haben den Band mit subtiler Könnerschaft zusammengestellt: Bericht und Analyse der Gründung, die kritischen Punkte der Geschichte, der Blickwinkel der verschiedenen Gruppen und die Erfahrungen der Fachbereiche schließen sich zu einem beachtlichen Kapitel deutscher Hochschulgeschichte.

Warum aber war es ein tristes Kapitel? Warum ist die Absicht der Gründer, eine Stätte der (modernen) Bildung durch (moderne) Wissenschaft zu schaffen, nach dem Urteil der heutigen weithin gescheitert? Welcher Wurm steckt in der Hochschulreform à la Konstanz?

Es sind mehrere Würmer, und überdies solche verschiedener Art. Die ersten beiden sind wohlbekannt, wenngleich es sich lohnt, sie erneut zu betrachten. Jurij Striedter beobachtet mit Recht, "wie schnell Prioritäten und Progressivitäten wechseln". Die Gründer der Universität Konstanz dachten teils an Wissenschaftstheorie (eine Institution für die Erfahrungswissenschaften), teils an elitäre Bildungszwecke (Harvard am Bodensee). Aber die Gründung wurde alsbald von der Zeit überholt. Sie kam zu spät, um ihre Idee noch durchsetzen zu können. Die Bildungsexpansion mit ihren neuen Ansprüchen an die akademische Lehre, und das Interesse an der sogenannten Demokratisierung beherrschten die Hochschuldiskussion schon als der Gründungsbericht im Jahre 1965 abgeliefert wurde. Als derlei Tendenzen Konstanz erreichten, war es noch ungeschützt. (Thure von Uexküll schreibt über die Parallelgründung Ulm den nachdenklich stimmenden Satz: "Die traditionellen Universitäten sind gegen zeitgeschichtliche Wandlungen viel resistenter".) So entstand ein beunruhigender Mischmasch von Reformabsichten und Verteidigungsstellungen.