Von Helmut Heißenbüttel

Was ich zuerst sah, als ich ankam, etwas verspätet, unmittelbar aus dem Urlaub von der Nordsee, morgens noch schwache Seebrise, jetzt warme Hamburger Frühsommerluft, waren die dicken Maschinen vor dem Winterhuder Fährhaus, BMW, Yahama, Honda. Aber die hatten nichts mit Lyrik zu tun. Machte nur, so war mein erster Eindruck, die Atmosphäre lockerer. Oder bildeten sie eine zweifelhafte Staffage? „1. Bundesdeutsches Lyrik-Festival Hamburg im Winterhuder Fährhaus“, so stand auf dem Handzettel, der zur Werbung diente, und kürzer: „Lyrik Festival ’77“. Aus äußeren Gründen angehängt an den schon eingebürgerten „Literatrubel“, aber organisatorisch völlig unabhängig davon, geplant und durchgeführt von Jan Hans, Uwe Herms, Ralf Thenior und Uwe Wandrey (Nathias Neutert, der ursprünglich mit dazu gehört hatte, war durch einen Unfall beim Zaubern ausgefallen).

Das zweite, was ich sah, war eine streng bewachte Tür und dann ein vollkommen überfüllter Saal (der kleinere des Winterhuder Fährhauses, der dann am nächsten Tag gegen den größeren ausgetauscht wurde). Kein Interesse an Lyrik? Wohl kaum. Wer gedacht hatte, dies würde nur eine geschlossene Veranstaltung für Spezialisten werden, hatte sich gründlich getäuscht. Nicht nur das. Das Publikum, in der Mehrzahl Jüngere (der Vergleich zu Pop-Konzerten war nicht abzuweisen, aber auch nicht zu belegen, die Fluktuation von den normalen Rock-Interessenten des Winterhuder Fährhauses zum Lyrik-Festival hielt sich in Grenzen), hörte aufmerksam zu, war rasch zur Anteilnahme zu bewegen, objektiv und freundlich. Die wenigen Störungen kamen von Profis. Ein harmonisches Bild? Eine neue bundesdeutsche Blüte der Literatur, ja der Lyrik speziell?

Mir fielen, als ich F. C. Delius, Klaus Konjetzky und Ursula Krechel zuhörte (Michael Buselmeier hatte ich versäumt), Lesungen aus den fünfziger Jahren ein. Der Unterschied bestand ganz eindeutig darin, daß damals dennoch das kulturelle Bewußtsein ungebrochen war, daß auch das, was damals Protest (Nonkonformismus) hieß, getragen wurde von der selbstverständlichen Gewißheit literarischer Artikulationsmöglichkeit. Auch bei Grass und Enzensberger, die auf dem Handzettel gedruckt standen, aber, wie einige andere, kurzfristig abgesagt hatten.

Dieses Bewußtsein war hier, das kann man von allem sagen, was gelesen und diskutiert wurde, nicht nur von jüngeren Autoren, sondern auch von den älteren (Ernst Meister, Erich Fried, ich selber), gründlich gestört. Daß literarische Artikulation nicht selbstverständlich ist, daß sie kritisch erarbeitet werden muß, daß sie infolgedessen immer, auch da, wo sie Privates, Sensibilität zeigt, Ergebnis einer politischen Erfahrung ist, der politischen Erfahrung, das heißt, der gründlichen Infragestellung unserer Welt gleichsam entrungen werden muß, das war einer der auffälligsten Eindrücke dieses Lyrik-Festivals.

Es war zugleich ein erstes und nicht wegzudiskutierendes Positivum. Um Irrtümer zu vermeiden: dies bedeutete nicht Politlyrik im Sinne der sechziger Jahre. Die Unausweichlichkeit politischer Erfahrung und die grundsätzliche Fragwürdigkeit führten, das kann man auch ganz eindeutig sagen, zu Gedichten, die in breiter Palette interessant und anhörenswert waren, mehr als alles, was gängigerweise bei uns gelobt wird. Hier war lebendige, aktuelle und ästhetisch differenzierte deutsche Literatur zu hören. Hier war auch, seit Jahren für mich auf so breiter Basis erkennbar, der Zusammenhang mit der anderen deutschen Literatur, derjenigen der DDR, herstellbar.

Der äußere Rahmen: rund dreißig Lyriker verschiedener Produktionsweise, verschiedenen Alters, überwiegend allerdings die Generation der heute Dreißig- bis Fünfunddreißigjährigen, drei große Lesungen an drei aufeinanderfolgenden Abenden, je zehn Einzellesungen also pro Abend, von je etwa 15 Minuten Dauer, mal mehr, mal weniger; Lesungen von je zwei Autoren mit Diskussion in der Kneipe des Fährhauses; zwei sogenannte Lyrik-Workshops Sonnabend- und Sonntagvormittag; eine öffentliche Diskussion am Sonntagnachmittag. Als Moderatoren lösten sich die Veranstalter ab, bei verschiedenem Temperament doch gleich freundlich, geduldig und aufmerksam, angenehm lässig, aber nie nachlässig. Die Beteiligung gleichbleibend sehr gut. Bei einer Fülle anderer Veranstaltungen an diesem Wochenende in Hamburg eine erstaunlich hohe Zahl von Interessenten. Der Vergleich mit Unternehmungen der Berliner Akademie der Künste, Walter Höllerers „Literarischem Colloquium“ fiel mir gelegentlich ein, aber alles hier hamburgisch lockerer, weniger professionell, und das meine ich positiv. Obwohl nicht alle Autoren sich an den Workshops beteiligten, versammelten sich doch an den beiden Vormittagen jedesmal etwa dreißig Diskussionswillige. Nach einem etwas umständlichen Beginn waren die Diskussionen lebhaft, sachbezogen, gelegentlich auch personalbezogen, konkret, bemüht, Fragen zu formulieren, der eigenen merkwürdigen Existenz auf die Spur zu kommen.