Für Hans Werner Richter stellten sich, wie für so viele Kriegsgefangene damals, mit dieser Entlassung Existenzfragen. Als den Ort, wohin er entlassen zu werden wünschte, gab er Bad Pyrmont an: die Heimatstadt seiner Frau Toni. Von dort aus fuhr er zu seinen Eltern nach Pommern, das in der sowjetischen Besatzungszone lag (wohin man aus amerikanischer Gefangenschaft nicht entlassen werden konnte). Zu Hause in Pommern gab es für den PoW (prisoner of war), der 1930 der Kommunistischen Partei beigetreten und 1932 als Trotzkist wieder ausgeschlossen worden war, reizvolle Aufgaben. Nachweisbare Nichtnazis waren gesuchte Leute.

Aber kurz vor seiner Abfahrt von Bad Pyrmont hatte Hans Werner Richter ein Brief seines Freundes Walter Kolbenhoff erreicht: Wir machen hier in München einen neuen "Ruf" – willst du mitmachen? Hans Werner wollte. Frau Toni lag München näher als Pommern.

Im Juni 1946 meldete er sich in der entstehenden Redaktion des "Ruf" und traf dort (Legenden müssen korrigiert werden) als den Herausgeber des "Ruf" zum erstenmal Alfred Andersch, der zwar auch Kriegsgefangener in Amerika gewesen, aber Richter nie begegnet war.

Zusammen, von der 4. Nummer an auch gemeinsam verantwortlich, machten sie 16 Nummern des "Ruf" – bis die Amerikaner im März 1947 entschieden: So nicht. Die Zeitschrift vertrat nicht ausreichend jene Richtung der "Re-education", die man sich in Washington ausgedacht hatte. Dem Verleger Curt Vinz von der Nymphenburger Verlagsanstalt wurde in heftigen Verhandlungen, deren Spuren sich verloren haben, klargemacht, daß der "Ruf" verboten sei, solange Richter und Andersch dort das Sagen hätten. Um den "Ruf" zu retten, wechselte der Verleger dann ziemlich bereitwillig die Führungsmannschaft aus. Chefredakteur seiner ganz neuen Crew wurde Erich Kuby, der ohnehin schon Angestellter der Amerikaner war und sich "Mr. Kuby" nannte. Ihm folgte später Walter von Cube.

Die Stammredaktion des "Ruf" war arbeitslos, als der Stahlberg-Verlag (Inge Stahlberg und Christian von Tauchnitz) für den 25. Juli 1947 einlud zu einem Treffen nach Altenbeuren auf das Gut der Gräfin Degenfeld. Ehrengast, genius loci gewissermaßen, war Rudolf Alexander Schröder. Gegen ihn wurde, wenn man so will, die Gruppe 47 gegründet. Denn: "Man müßte so etwas öfter machen, Manuskripte vorlesen, diskutieren; nur, die richtigen Leute müßten zusammenkommen, das hier ist zu gemischt." So etwa soll sich (nach der Erinnerung von Heinz Friedrich, heute Leiter des Deutschen Taschenbuch-Verlages, der bei der Entstehung der Gruppe 47 aktiv beteiligt war) Hans Werner Richter geäußert haben.

Und so geschah’s. Eine inzwischen nur noch wenigen bekannte Ilse Schneider-Lengyel, emanzipiert ein bißchen im Stil der George Sand, längst ehe "Emanzipation" Mode wurde, konnte ein kleines Haus am Bannwaldsee (bei Hohenschwangau im Allgäu) zur Verfügung stellen für die erste Tagung der Gruppe 47, die freilich noch nicht "Gruppe 47" hieß.

Ohne die Stahlberg-Tagung in Altenbeuren hätte ein entscheidender Anstoß gefehlt zur Entstehung der Gruppe 47. Man kann den letzten Tag, den 29. Juli 1947, als Richters "man müßte so etwas öfter machen" fiel, als Geburtstag annehmen.