NDR, Freitag, 1. Juli, 20.15 Uhr: "Unter den Linden – Schicksale einer deutschen Straße", Filmessay von Wolfgang Venohr und Peter Buschhorn

Wirklich, ich kenne keinen imposanteren Anblick, als, vor der Hundebrücke stehend, nach den Linden hinaufzusehen. Rechts das hohe prächtige Zeughaus, das neue Wachthaus, die Universität und Akademie. Links das königliche Palais, das Opernhaus, die Bibliothek usw." Fast wäre Heinrich Heine noch ins Schwärmen gekommen, als er im Januar 1822 seinen ersten Brief aus Berlin verfaßte. Um so mehr schwelgen die Autoren dieses Films, die im letzten Sommer, zur Lindenblütenzeit mit ihrem Kamerateam nach Ost-Berlin fuhren. Zwar nicht in Worten – da sind sie eher preußisch-karg, doch in Bildern, Farben, Tönen.

Strenggenommen ist es gar kein Film über Deutschlands berühmteste Prunk-, Pracht-, Parade- und Promenierstraße; sie dient lediglich als Strang dieser Führung durch vierhundert Jahre Geschichte – von Brandenburg zu Preußen über das Reich zur DDR. Fast immer, wenn Wolfgang Venohr in den letzten Jahren "drüben" drehte, gerieten ihm seine Filme zu Liebeserklärungen an seine preußische Heimat. Mag man seine Meinung bestreiten, daß Preußen das Beste an Deutschland gewesen sei, so waren die "Linden" sicherlich das Beste an Berlin.

Wer zuviel von der Stadt kennt, dem wird dieser Bilderreigen nicht genügen; wer wenig von deutscher Geschichte weiß, und das sind heutzutage die meisten, wird viel erfahren: von den großen Baumeistern und Bildhauern, den Schlüter, Langhans, Knobelsdorff, Schadow, Schinkel und Rauch, die Rom und Athen an die Spree verpflanzten – von Kurfürsten, Königen und Kaisern – von der Blütezeit der Universität: den Brüdern Humboldt, von Hegel und Marx – von den Berlinern zumal, die ihren Herrschern dreimal die Angst vor der Revolution einjagten: 1848, 1918 und 1953, aber auch von ihren Irrlaufen, ihrer Verblendung, ihrem Versagen.

Hitler ließ die Linden abschlagen, Ulbricht sie neu pflanzen. Nun blühen sie wieder – hinter dem verriegelten Brandenburger Tor. Wer vom Westen Zutritt erheischt, muß einen Passierschein haben und Umwege in Kauf nehmen. Er wird einer DDR den Respekt nicht versagen, die aus den Trümmern und unter großen Opfern die Straße im alten preußischen Stil wieder aufbaute. Und doch vermag Stadtarchitekt Gericke mit noch so vielen Argumenten jenen Akt der "Kulturbarbarei" nicht auszulöschen, der am Anfang stand: die Zerstörung des durch amerikanische Bomben schwer angeschlagenen Schlüter-Schlosses. Jetzt muß sich der Arbeiter- und Bauernstaat von seinem polnischen Nachbarn beschämen lassen, der aus dem Nichts das alte Königsschloß in Warschau neu erstehen läßt.

Es wird viel, zuviel marschiert in diesem Film. Sie ist nachgerade ärgerlich, diese Kontinuität martialischen Gepränges unter kommunistischem Vorzeichen (die "Internationale" im preußischen Marschrhythmus!). Der Soldatenkönig, den Venohr zum Träger einer "staatssozialistischen Kulturrevolution" stilisiert, hätte an dieser Wachparade der Volksarmee seine Freude gehabt. Aber der Spott erstirbt einem auf den Lippen. Denn in der friderizianischen Umgebung gedeiht noch eine andere, auf dieser Seite des Tores nicht so vertraute Tradition – sie reicht vom Zug der Märzgefallenen anno 48 bis hin zur Urnenprozession bei der Einweihung des Mahnmals für die Opfer des Faschismus.

Ein Film, halb Gefühl, halb Belehrung, voll Heimweh und verhaltenem Zorn, ein unterhaltender Bilderbogen, der zum Verweilen einlädt und Zeit läßt, ein Traum von deutscher Herrlichkeit, ein Alptraum deutscher Not, ein Versuch, über Trennendem Gemeinsames zu bewahren.

Karl-Heinz Janßen