ARD, Sonntag, 26. Juni: „Hermann Hesse – Zum 100. Geburtstag“, von Gerhard Konzelmann

So geht’s auch. Statt einer Gedenksendung für den hundertjährigen Hermann Hesse (Dichter) einen Werbefilm für Gerhard Konzelmann (Dichter, Komponist, Dirigent). „Weil man“, wie Konzelmann richtig erkennt, „bei Hesse eine besondere Atmosphäre braucht“, (für welchen Menschen, bitte, wenn man ihn „verfilmt“, braucht man keine „besondere Atmosphäre“?) hat „der Nahost-Experte der ARD“ die Musik zu dieser Sendung eigenhändig komponiert und dirigert und auch das Libretto zu dieser Hesse-Oper eigenhändig elaboriert.

Es wurde einer der – leider – üblichen Fernseh-Filme über Dichter, und ihr Werk: Librettist, Regisseur, Kameramann auf der Suche nach optischen Entsprechungen für Gedichtzeilen, Romansätze. Fernsehen als Illustrations-Wahn-Anstalt. Der Maler Klingsor geht todestrunken ins Wasser: Da rauscht der Almbach, und Hesses Sätze rauschen, – Literatur als Bild- und Wort-Rausch. Minutenlang starren wir in den Strudel, in dem nicht nur Klingsor, in dem auch Hesse und sein Werk versinken.

Konzelmann kann mit wenig bekannten Ton-Aufnahmen und Photos arbeiten. Doch dienen sie nur als Beleg dafür, wie schlecht der Reime-Schmied Hesse sein kann – vor allem dann, wenn er seinen Versen durch orgelnden Vortragston tiefere Bedeutung zu geben versucht.

Weshalb ist Hesse, trotz der in diesem Film zu hörenden Reimereien, ein ernstzunehmender Dichter? Weshalb lesen so viele – auch junge – Leute die Bücher dieses vor hundert Jahren geborenen Mannes? Hat uns der politische Schriftsteller H. H. nicht vielleicht (im Augenblick) mehr zu sagen als der „Dichter“?

Lauter Fragen. Dieser Film hat keine gelöst.

Rolf Michaelis