Ein Amerikaner untersucht die Spannungen zwischen der Alten und der Neuen Welt

Von Dieter Buhl

Seit dem Amtsantritt Jimmy Carters weht eine frischere Brise über den Atlantik. Hüben wie drüben wächst die Hoffnung, daß sie die dunklen Wolken über dem amerikanisch-europäischen Verhältnis vertreiben werde. Ursachen und Auswirkungen der seit Jahren andauernden Malaise untersucht

J. Robert Schaetzel: „Ein Bündnis geht aus den Fugen – Amerika und die Europäische Gemeinschaft“; Econ Verlag, Düsseldorf 1977; 320 Seiten, 38,– DM

– ein Diplomat, der die Verwirrungen im transatlantischen Dialog längere Zeit aus unmittelbarer Anschauung erlebt hat. Als Botschafter Washingtons bei der Gemeinschaft kannte Schaetzel nicht nur die diversen amerikanischen Strategien, er gewann auch intime Einblicke in die europäische Denkungsweise. Während seiner EG-Tätigkeit von 1966 bis 1922: hat Schaetzel grundlegende Erkenntnisse gewonnen, sein Blick wurde aber notgedrungen durch die häufig kleinkarierten Streitigkeiten zwischen den Partnernabgelenkt. Dennoch bewahrt sich der Amerikaner eine bemerkenswerte Objektivität, die ihn zu einem überzeugenden Schiedsrichter im atlantischen Geplänkel macht und seinen Verbesserungsvorschlägen zusätzliches Gewicht verleiht.

Die Grundfrage der Partnerschaft kann Schaetzel allerdings auch nicht beantworten: Kann Europa seine immer wieder auftretenden anti-amerikanischen Allergien kurieren? Oder sind sie nicht vielleicht sogar das stärkste Antriebsmoment im europäischen Einigungsprozeß? Die unvermeidlichen Antagonismen in den Beziehungen zwischen der Supermacht Amerika und der wirtschaftlichen Großmacht Europa sind in den letzten anderthalb Jahrzehnten besonders deshalb deutlicher hervorgetreten, weil, wie der Autor feststellt, „die Intimität der Kriegs- und Nachkriegszeit, das fraglose Ausgehen von einem breitgefächerten Gemeininteresse, die Beziehungen von Führern und Gefolgsleuten ... zu historischen Raritäten geworden“ ist.

Die Schuld an dieser Abkühlung tragen beide Seiten. Schaetzels kritische Beleuchtung der Gemeinschaftsgeschichtemacht klar, warum es Washington häufig schwer fiel, die Europäer für voll zu nehmen. Die Brüsseler Entscheidungsprozesse gelten schon in der Alten Welt vielfach als ein unentwirrbares Rätsel. Um wieviel mehr muß das Brüsseler Gerangel die so sehr auf Effizienz bedachten Amerikaner verwirren. Weil viele der nach mühsamen Feilschen geborenen Entscheidungen zudem auch noch deutliche antiamerikanische Züge trugen, war die Verstimmung jenseits des Atlantiks vorhersehbar.