Verfehlt, so meint Bundestagspräsident Karl Carstens, sei die Auffassung, das parlamentarische System befinde sich in einer „Krise oder Legitimationskrise“. Die Funktionen des Parlaments seien „auch heute in voller Wirksamkeit“, von Krise keine Spur.

Das neue Diätengesetz belaste die Staatskasse per saldo nicht zusätzlich („Beifall bei allen Fraktionen“); der Bundestag beschließe die Gesetze und wähle den Kanzler; der über die Kontrollfunktionen gegenüber der Regierung aus; 90,7 Prozent hätten ihn gewählt.

Allerdings sollten die Fraktionsentscheidungen in größerer Ruhe getroffen und die Plenardebatten gestrafft werden. Dieser Lobgesang auf eine intakte Institution zu Beginn der Etatdebatte erhielt, kein Wunder, laut Protokoll „wiederholten, allseitigen Beifall“.

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Nicht einmal bis zum Beginn der Bundestags-Sommerpause hielt Oppositionsführer Helmut Kohl unbeschadet durch. Flickschusterei, die nicht bis zum nächsten Wahltermin halten werde, hatte er das Programm zur Sanierung der Renten und des Krankenversicherungssystems genannt. Mit der Wehrpflichtnovelle – der die CDU/FDP-Regierung Niedersachsens zustimmte – würden die „Grenzen der Belastbarkeit unserer Verfassung“ erprobt. Starke Worte aus den Reihen der parlamentarischen Opposition für Gesetze, die drei Tage später (Ausnahme: Wehrpflichtgesetz) mit Hilfe CDU/FDP-regierter Länder den Bundesrat passierten.

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Gemeinsamkeit heißt eines jener Worte, die im Bundestag eine Art Eigenleben führen; Gemeinsamkeit der Demokraten, lautet die erweiterte Fassung. Wer sich darauf beruft, benutzt es als Ausweis wahrhaft demokratischer Gesinnung: Jeweils die anderen würden den „Grundkonsens“ preisgeben, um den man selbst kämpft.