Von Theo Sommer

Die Geschichte des Kommunismus war eine Geschichte seiner Spaltungen, seit Trotzki und Stalin miteinander brachen. Im Jahre 1949 wandte sich Tito von der Moskauer Heilslehre ab; in den Jahren 1956–1960 machte sich – der Maoismus selbständig; nun hat der Bannstrahl Breschnjews den spanischen Kommunistenführer Carrillo getroffen, den profiliertesten Vertreter des Eurokommunismus. Nach dem roten Kommunismus Moskaus, dem rosafarbenen Titos und dem gelben Pekings ist damit der "weiße Kommunismus" Westeuropas als autonome Größe auf den Plan getreten. Und wie immer bei Glaubenskämpfen verleiht erst der Bannstrahl dem, Ketzer Bedeutung. (Siehe auch Seite 13)

"Jahrelang war Moskau, wo unsere Träume begannen, Wirklichkeit zu werden, unser Rom. Wir redeten von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, als wäre sie Unsere Weihnacht" – so sprach Carrillo vor einem Jahr auf dem kommunistischen Konzil, in Ostberlin. "Das war unsere Kinderzeit. Heute sind wir erwachsen ... Es besteht kein Zweifel daran, daß wir Kommunisten heute kein Führungszentrum haben, an keine internationale Disziplin gebunden sind."

Damals in Ostberlin gaben die Kreml-Vertreter klein bei. Um des Anscheins der Einheit willen verzichteten sie darauf, ihren Anspruch auf Glaubensmonopol und Hegemonialstellung durchzusetzen. Aber sie begannen alsbald, vor allem in neuen Verträgen mit den Ländern Osteuropas und in blockinternen Konzilien, den "Proletarischen Internationalismus" – sprich: die Unterordnung unter Moskaus Gebot – wiederum zur Pflicht eines jeden Kommunisten zu erheben. Und nun sind sie in der Zeitschrift Nowoje Wremja zum Gegenangriff übergegangen.

Die Kreml-Theologen argumentieren zunächst rein theologisch – gegenüber "einem Apostel, der der Welt die Hauptdogmen des neuen Glaubens verkündet": er stelle die Kommunisten in Westeuropa denen in den sozialistischen Ländern gegenüber und verunglimpfe den "realen Sozialismus" jener Länder, "die die neue Gesellschaft bereits aufgebaut haben". Aber dann entpuppen sich die roten Kardinäle als rote Reichsfürsten: Sie attackieren Carrillos Vorstellung, daß ein vereinigtes Europa – lies: Westeuropa – eine "selbständige Rolle in einer harmonischen Welt, die jetzt in regionale Gruppierungen gespalten ist" spielen solle. Brutal stempeln sie nationalkommunistische Autonomie zum "Antisowjetismus". Nicht bloß der Ketzer wird da mit dem Bannstrahl belegt, der die reine Lehre bestreitet, sondern in erster Linie der Unbotmäßige, der dem Kirchenstaat die weltliche Gefolgschaft und den Tribut verweigert.

Der Vorfall zeigt, wie sehr sich auch die heutigen Moskowiter Fürsten vor allem als Hort der Rechtgläubigkeit empfinden. Er bestätigt, was US-Außenminister Vance vermutet hat: daß der Eurokommunismus den Sowjets noch größere Probleme aufgibt als dem Westen. Wenn Spanier, Italiener, Franzosen für einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz werben, einen demokratischen, pluralistischen Kommunismus – wie sollen denn die Verketzerung Alexander Dubčeks, die Verteufelung seines josephinischen Reformkommunismus noch überzeugen? Wie kann den Verfechtern der Menschenrechte im sowjetischen Machtbereich kurzer Prozeß gemacht werden?

Der Moskauer Bannstrahl hat ein Gutes: Er klärt die Fronten. Er zielte auf Carrillo, der gerade ein nicht sehr überzeugendes Wahlergebnis hinnehmen mußte, aber er: traf zumal die italienischen und die französischen Kommunisten. Sie müssen sich nun zwischen Welf und Waiblinger entscheiden, zwischen Moskautreue und Autonomie. Die Verketzerung Carrillos zwingt sie nun zur Wahl: Wollen sie lieber hörig sein oder lieber unabhängig?