Nach 11 Monaten Streik wird der Konflikt um Grunwick immer härter

Willesden, ein kleinbürgerlicher Vorort in Nord-London, sieht Menschenmassen nur, wenn im benachbarten Wembley-Stadion Fußball gespielt wird. Seit Mitte Juni nun sehen die Bürger Liebhaber einer anderen Betätigung in ihrem Ort, an manchen Tagen über 2000. Es handelt sich um Demonstranten, die morgens um sieben vor die Werkstore des Filmkopierwerks Grunwick ziehen, um die Streikposten vor Ort zu verstärken. Sie treffen dort auf ein mächtiges Polizeiaufgebot, das versucht, eine Gasse zu bilden, damit ein Bus arbeitswillige Personen – nach Darstellung der Firma sind es 250 – in die Fabrik bringen kann.

Dieser Bus, dessen Reifenventile und Tankverschluß aus Angst vor Sabotage versiegelt sind, nimmt Arbeiter, meist Frauen, an geheim gehaltenen Stellen auf und transportiert sie vor das Werkstor. Dort hat die Polizei die Aufgabe, das Recht des Zugangs zum Arbeitsplatz zu vereinen mit der legalen Aufgabe der Streikposten, Arbeitswillige in friedlicher Weise umzustimmen.

An mehreren Tagen in den letzten zwei Wochen flogen vor Grunwick Polizistenhelme durch die Luft, ein junger Beamter wurde von einer als Wurfgeschoß zweckentfremdeten Milchflasche schwer am Kopf verletzt, massenweise wurden Demonstranten festgenommen, einige davon an den Haaren in bereitstehende Polizeiautos geschleift. Das sonst so friedliche Willesden erlebt Szenen des industriellen Grabenkampfes.

Der Nation wird jeden Mittag und Abend das Neueste von der Front des Arbeitskonfliktes auf dem Fernsehschirm serviert. Die Zeitungen füllen ganze Seiten mit Reportagen, ausführlichen Darstellungen der Anschuldigungen und Gegenbehauptungen, mit Bemerkungen von Politikern und Gewerkschaftern, Leserbriefen.

Das alles begann im August vergangenen Jahres mit der Entlassung eines Arbeiters, gefolgt von einem Streik, auf den das Management mit Massenentlassungen reagierte. Eine Gewerkschaft schaltete sich ein und verlangte Anerkennung, um Mitglieder im Werk zu organisieren. Dieses Begehren wurde zum eigentlichen Kern des Disputs, der sich jedoch längst ausgeweitet hat. Während vor den Werkstoren von Grunwick der dort präsentierte Mikrokosmos des Klassenkampfes häßliche Züge annahm, diskutierte die Nation die großen Fragen des Rechts des Individuums und des Rechts der kollektiven Organisation in Gewerkschaften, ereiferte sich das Volk über das Recht, Gewerkschaften anzugehören oder auch nicht. Der Grunwick-Streik hat gute Aussichten, in die Annalen der britischen Sozialgeschichte einzugehen.

Dies auch deswegen, weil er der längste Streik ist, der gegenwärtig auf der Insel läuft. Mit 45 Wochen Dauer hat er schon eine beachtliche Beliebtheit bei den Beteiligten bewiesen; aber es hat längere gegeben. Dreieinhalb Jahre soll der Rekord sein, sagen die Fachleute vom Arbeitsministerium, die es wissen müßten – aufgestellt während eines Lohnkonflikts auf einer Baustelle in Nordengland. Mehr Beachtung fand Anfang der siebziger Jahre der fast dreijährige Streik in einer Firma für Edelstahlröhren in Plymouth, da es hier um eine grundsätzliche Frage der gewerkschaftlichen Anerkennung ging.