Von Jes Rau

Meist handelt es sich nur um Gruselgeschichten von Leuten, die hinter fast jedem ökonomischen Vorgang finstere Verschwörungen, Komplotte und Kartelle vermuten. Diesmal, stammt die Information aus dem Munde eines Spitzenmanagers, der es wissen muß: Ein internationales Uran-Kartell ist mit dafür verantwortlich, daß der Preis dieses energiereichen Metalls innerhalb von nur drei Jahren am Weltmarkt um 600 Prozent gestiegen ist.

Diese Aussage stammt von Jerry McAfee, dem neuen Boß der von zahlreichen Bestechungsskandalen umwitterten Gulf Oil Corporation. Der Gulf-Boß war als Zeuge vor den Untersuchungsausschuß des US-Kongresses geladen und sagte unter „Subpoena“ aus. Das bedeutet, daß Falschaussagen mit Gefängnis bestraft werden können. Zuvor hatte der Untersuchungsausschuß vertrauliche Dokumente von Gulf und der kanadischen Regierung veröffentlicht, die einen zwiespältigen Eindruck über die Rolle des Gulf-Konzerns bei der Bildung des Uran-Kartells hinterlassen: Einige dieser Dokumente lassen den Schluß zu, daß Gulf sich aktiv daran beteiligt hat, den Uranpreis auf dem Weltmarkt zwischen 1972 und 1975 von 13 auf 92 Dollar je Kilo zu treiben. Nach anderen Dokumenten dagegen sieht es so aus, als habe sich Gulf – übrigens als einziges US-Unternehmen – an dem Uran-Kartell nur beteiligt, weil die kanadische Regierung auf die dortige Gulf-Tochter starken Druck ausgeübt hat.

Gulf-Chef McAfee erklärte vor dem Untersuchungsausschuß, das Kartellabkommen zwischen den Regierungen Kanadas, Frankreichs, Australiens, Südafrikas und der in Großbritannien beheimateten Minengesellschaft Rio Tinto Zinc habe bei der Anhebung der Uranpreise auf dem Weltmarkt „bescheidene Erfolge“ gehabt. Über ihre kanadische Tochter Uranerz Exploration and Mining Ltd. ist auch das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) mit von der Kartell-Partie. Der Präsident der „Gulf Mineral Resources Corporation“, S. A. Sagnoli, beantwortete die Frage, ob der Uranpreisanstieg auf dem Weltmarkt sich auch auf die Uranpreise innerhalb der USA ausgewirkt hätte, nach einigem Zögern mit einem zaghaften Kopfnicken, um dann aber schnell hinzuzufügen, die Auswirkungen seien wahrscheinlich nur gering gewesen.

Die Frage, ob das Uran-Kartell nicht nur die Weltmarktpreise für Uran, sondern auch die Preise in den USA nach oben getrieben hat, ist von entscheidender Bedeutung. Nur im zweiten Fall nämlich liegt ein Verstoß gegen die amerikanische Kartellgesetzgebung vor. Falls das US-Justizministerium zu diesem Ergebnis kommt, hat der Gulf-Konzern mit einer Kartellklage zu rechnen, die dem Unternehmen eine Geldstrafe bis zu einer Million Dollar und den verantwortlichen Managern Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren einbringen kann. Darüber hinaus könnten alle amerikanischen Uranabnehmer Gulf und seine Mitverschwörer mit Aussicht auf Erfolg auf Schadenersatz verklagen.

Das gilt vor allem für den Westinghouse-Konzern. Der zweitgrößte amerikanische Reaktorhersteller, der sich gegenüber einer großen Zahl von Reaktorkäufern zu langfristigen Lieferungen von Uran zu dem ehemals niedrigen Preis verpflichtet hatte und dem wegen des späteren steilen Preisanstiegs Verluste in Milliardenhöhe drohen, versucht den Schwarzen Peter durch eine Privatklage an Gulf und die übrigen Kartellmitglieder weiterzugeben („Westinghouse in der Klemme“, ZEIT Nr. 45/1976).

Gulf bestreitet freilich, amerikanisches Antitrustrecht verletzt zu haben. Als Argument führt der in Pittsburgh beheimatete Energiekonzern an, daß die kanadische Regierung die Kooperation mit dem Kartell zur Bedingung für die Erteilung einer Konzession zum Uranabbau gemacht habe. „Gulf ist also so eine Art Patty-Hearst-Unternehmen, das gezwungen war, gegen seinen Willen zu handeln?“ fragte der Kongreßabgeordnete Albert Gore sarkastisch.