Von Dietrich Strothmann

Er war nur einer von vielen. Seine Erregung konnte er kaum kontrollieren: „Jetzt bleibt uns nur noch eins – Koffer packen, auswandern, weg von hier.“ Es war am Tag nach der Wahl, als am Sieg Menachem Begins, des neuen israelischen Ministerpräsidenten, eines radikalen Rechtsregenten im Land des sozialistischen Zionismus, nicht mehr zu deuteln war. Ein Erdrutsch von unerwarteter, heftiger Plötzlichkeit hatte das Land heimgesucht. Am Tag danach stand es auch in der linken Zeitschrift Ha’olam Hazeh des Außenseiters Uri Avneri: „Genug geweint in diesem Land, weine in einem anderen Land.“ Es war nicht die Stimme eines Einzelgängers.

Auch von jenem Israeli, den nach Begins Wahlerfolg der Zorn packte, der alles liegen lassen wollte, gibt es Tausende. Als Junge mußte er 1933 Deutschland verlassen, entwich über Frankreich in das Refugium Palästina, für das er dann bald, unter dem Staatsnamen Israel, in den Krieg zog, verwundet wurde, seinen Bruder verlor; für das er jahrzehntelang hart arbeitete, seine Gesundheit opferte, für das er litt und lebte – und das er jetzt nicht mehr als seine Heimat, seinen rettenden Hafen erkennen mochte.

Israel, nun zum erstenmal in seiner knapp dreißigjährigen Geschichte von extremistischen Nationalisten und Religiösen regiert, ist ein anderes Land geworden. Wer es kennt, erkennt es kaum wieder. Was für ein Land ist das geworden? Was ist aus ihm geworden?

Die einen, die Begin wählten, erwarten, daß mit dem Sturz der alten, überalterten Funktionärsclique der Linken für Israel eine neue Zeitrechnung beginnt, eine neue Freiheit, ein neues Lebensgefühl – das Ende der Korruption, der Anfang wirtschaftlicher und seelischer Erholung. Dreißig Jahre waren genug, sagen sie. Und sie meinen: dreißig Jahre parteigebundene Vetternwirtschaft, ökonomische Drangsalierung, soziale Gleichmacherei, religiöse Gleichgültigkeit, kulturelle Libertinage, politische Unbeweglichkeit. Das wahre, das eigentliche Israel, die Verwirklichung des zionistischen Traums, das Licht für die Welt zu sein, beginne erst jetzt.

Die anderen, die Begins Geschichte als Terrorist und Widersacher des Staatsgründers Ben Gurion kennen, seinen rigorosen Haß auf die Araber, seinen unnachgiebigen Willen Feinden wie Freunden gegenüber, seine militante, wenngleich brillante Intellektualität, befürchten Schlimmes: eine Intensivierung des Massada-Komplexes, eine Betonierung des Maginot-Denkens, Israels Isolierung, sogar eine Art Bruder- und Bürgerkrieg im Innern, sobald sich die Mehrheit der Unfrommen gegen die Herrschaft der frommen Minderheit auflehnt, die Arbeiterschaft wider die Manager einer kapitalistischen Wirtschaft aufsteht, die Armen den Reichen den Kampf ansagen, die Jungen den Alten, die einen Zionisten den anderen Zionisten.

Israels Zukunft sieht nicht rosig aus: Bekämpft von den Arabern, bedrängt von den Amerikanern, lebt es mit sich selber in Unfrieden, binden die einen den Stahlhelm fester, die anderen den Gebetsriemen. Gerade jenes Land, von dem nach alter zionistischer Überzeugung das Heil für alle Länder der Erde ausgehen sollte, steckt selber in einer heillosen Krise. Israel, gedacht von seinen Gründern als Modell einer neuen Gesellschaft, bietet das Bild einer Nation, die mit sich selber zerstritten ist. Der Ort der Heimat nach langer Flucht ist zu einem Platz der Unsicherheit geworden.