Es sah so aus, als würde, der amerikanische Kongreß die Absicht der US-Lebens- und Arzneimittelbehörde (FDA), den Süßstoff Saccharin vom Markt zu verbannen, zu Fall bringen, als eine wissenschaftliche Bombe mitten in die Diskussion um den Zuckeraustauschstoff platzte. Wissenschaftler des kanadischen Krebsinstituts haben zum erstenmal einen recht massiven Hinweis darauf erhalten, daß Saccharin, von dem bisher nur erwiesen war, daß es, extrem hoch dosiert, bei Ratten einen Blasenkrebs hervorrufen kann (ZEIT Nr. 25/1977), auch bei Menschen eben diesen Krebs zu erzeugen vermag. Damit wurde den Gegnern des Saccharinverbots das Argument genommen, man könne von den Tierversuchen nicht auf die so andersartigen Verhältnisse beim Menschen schließen.

Die kanadischen Forscher befragten 480 Männer und 152 Frauen, die in den Jahren 1974 bis 1976 an Blasenkrebs erkrankt waren. Zur Kontrolle wurde eine nach Alter und Geschlecht und Wohnort gleich verteilte Gruppe nicht-blasenkrebskranker Kanadier interviewt.

Das Ergebnis: Von den männlichen Krebspatienten hatte eine erheblich größere Zahl während der vorausgegangenen 15 bis 30 Jahre Saccharin zum Süßen von Speisen verwendet als in der Kontrollgruppe. Statistisch ergab sich, daß ein Mann, der Saccharin in normaler Dosierung zu sich nimmt, ein l,7mal so hohes Risiko, an Blasenkrebs zu erkranken, eingeht als jemand, der den Süßstoff nicht benutzt. Für die Frauen war das Befragungsresultat so unklar, daß die Wissenschaftler hieraus keine Schlüsse zogen.

Zu ihren noch nicht veröffentlichten Befunden erklären die Forscher, sie hielten die vom Saccharin ausgehende Krebsgefahr für erwiesen. Für die FDA ist jetzt der Weg zu dem Verbot des Süßstoffs frei. Fraglich ist aber noch, ob die Substanz weiterhin als Arzneimittel in Apotheken erhältlich sein darf. Dazu aber müßte nach den strengen US-Gesetzen ein einwandfreier Nachweis der medizinischen Wirksamkeit für das Saccharin erbracht werden. Es müßte bewiesen werden, daß der Austausch von Zucker gegen Saccharin einen Verlust an Körpergewicht bewirkt. Sicher ist, daß ein Teelöffel Zucker zwanzig Kalorien Brennstoff darstellt, während der Süßstoff kalorienfrei ist. Aber lange schon vermutet man, daß die Kalorieneinsparung durch den Zuckeraustausch keinen meßbaren Abnahmeeffekt bringt, weil offenbar jemand, der den Zucker fortläßt, größeren Appetit bekommt.

Fest steht für die FDA, daß bisher keine Wirksamkeitsuntersuchungen für das Saccharin vorliegen, die den Kriterien einer wissenschaftlichen Arzneimittelprüfung standhalten könnten. Also müßte die Behörde solche „klinischen“ Prüfungen anfordern. Doch das verbietet eine von ihr erlassene Bestimmung. Wenn, nämlich der Verdacht besteht, daß eine Substanz Krebs verursachen kann, darf sie auch unter kontrollierten Bedingungen nicht für Versuche an Menschen verwendet werden. Mithin wird den Amerikanern wohl nur ein generelles Verbot des Süßstoffs übrigbleiben.

In der Bundesrepublik macht man sich derlei Sorgen nicht. Auf einen bloßen Verdacht hin wird hierzulande kein Industrieprodukt vom Markt genommen. Da müßte es schon viel massiver kommen. Man liefe doch sonst Gefahr, daß einmal jemand „siehste“ sagen könnte, falls sich nämlich herausstellen sollte, daß man übervorsichtig gewesen war.

Ich meine allerdings, daß uns ein „Siehste“ weniger bedrücken sollte als die andere Möglichkeit, daß Menschen, die noch hätten leben können, an einer gräßlichen Krankheit sterben mußten, weil wir versäumt hatten, vorsorglich etwas dagegen zu tun.

Dabei hätten, wir auch nach dem neuen Arzneimittelgesetz durchaus die Möglichkeit, die den Amerikanern verwehrt ist, nämlich Saccharin künftig nur noch als Medikament von Apotheken abgeben zu lassen. Thomas v. Randow