Die Hand des fast achtzigjährigen Paul VI. zitterte nicht, als er den fünf neuen Kardinälen den roten Hut aufs Haupt drückte – Zeichen der Treue „bis zum Blutvergießen“, die von den höchsten Würdenträgern der katholischen Kirche erwartet wird.

Das höfische Zeremoniell, das sich vergangenen Montag auf den Stufen des päpstlichen Thrones vollzog, täuschte jedoch nicht über die bange Stimmung hinweg, die diesen Papst in vierzehn Amtsjahren ergriffen hat. Immer drückender empfindet er die Last der Autorität, die er zu verkörpern und auszuüben hat – jetzt wieder mit der offenen Rebellion des Bischofs Lefebvre konfrontiert. Wenn sich Paul VI. in dieser Woche entschließen muß, den traditionellen Bannstrahl des Kirchenausschlusses gegen den eifernden Verfechter der Tradition zu schleudern (weil Lefebvre 14 unerlaubte – gleichwohl theologisch gültige – Priesterweihen erteilte), dann enthält diese Geste nichts von dem erhabenen Selbstgefühl seiner Vorgänger.

Die Pius-Päpste, auf die sich Lefebvre gern beruft, hätten in der Tat – wie Paul VI. jetzt erinnerte – „einen solchen halsstarrigen und schädlichen Ungehorsam nicht so lange geduldet, wie wir ihn geduldig toleriert haben“. Diese Neigung zur Toleranz, zur versöhnlichen Nachdenklichkeit, bringt diesen Papst – und mit ihm seine Kirche – immer wieder in Konflikt mit dem geistlichen Herrschaftsanspruch, den er sich zugleich mit. Überzeugung zu eigen macht.

Deshalb kann man ihm glauben, daß es ihn „viel gekostet hat“, sich seines engsten Mitarbeiters zu berauben: Giovanni Benelli, den er jetzt zum Kardinal erhob und auf den erzbischöflichen Stuhl im roten Florenz schickte, war eben nie von Zweifeln angekränkelt. Gewiß vollstreckte er nur päpstliche Direktiven, doch dies eben ohne Zaudern und weitherzige Auslegungen. „Die Kirche ist kein demokratischer Staat, Kollegialität besagt nicht Demokratie .. Die letzte Verantwortung nimmt dem Papst niemand ab, er hat sie bis an seit Lebensende zu tragen“, war eine der letzten Sentenzen Benellis, ehe er nun einem „milderen“ Substituten, Giuseppe Caprio, Platz machen und den Vatikan verlassen mußte.

Befördert und abgeschoben? Beide Motive schließen sich nicht aus bei einem Papst, der weiß, wie nützlich ihm Benelli war, dem aber auch klar ist, wie viele Gegner sich dieser unter den Bischöfen und im Kurienapparat gemacht hat. Schon deshalb sind Bene lis Chancen bei der nächsten Papstwahl gering.

In welchem Zustand aber wird Paul VI. sein’e Kirche hinterlassen? Kann er noch die zentrifugalen Kräfte bändigen, die das zweite vatikanische Konzil entfesselt hat, ohne in autoritäre Verhärtung zurückzufallen? Die historisch späte Bekehrung der Papstkirche zur Gewissensfreiheit und zur demokratischen Staatsordnung hat eine neue Ära vatikanischen politischen Umgangs mit West und Ost geprägt. Paul VI. erkennt, daß sich die inneren Krisensymptome der Kirche auch auf dieses ihr „modernes“ Image auswirken. Gerade der Fall Lefebvre zeigt, daß nicht nur der neue Ritus dieser Messe umstritten ist, sondern daß es um die Grenzen der ökumenischen Öffnung, des christlichen, ja eines innerkatholischen Pluralismus geht.

Die Art freilich, in der Paul VI. versucht, diese Grenzen abzustecken, macht sein Dilemma und seine relative Hilflosigkeit deutlich: einerseits möchte der Papst die innere Einheit der Kirche nur mit „Caritas“, mit Liebe also, nicht mit inquisitorischer Zuchtrute sichern. Andererseits aber sieht er keine Möglichkeit, „die Einheit in der Liebe von der Einheit in der ‚Wahrheit abzutrennen“.