Der Fall stand in diesen Tagen in einer öffentlichen Anhörung im Bundeswirtschaftsministerium zur Debatte, und er scheint zunächst jene Kritiker zu bestätigen, die das Wettbewerbsrecht in der Bundesrepublik für zu lasch halten, und den wirtschaftlichen Wettbewerb selbst von fortschreitendem Verfall bedroht sehen. Die Anfänge dieses Falles liegen zwei Jahre zurück: Im Jahre 1975 fusionierte eine mächtige Umsatz-Milliardärin, die Thyssen Industrie AG in Essen, mit einer kleinen Werkzeugmaschinenfabrik, der Ludwigsburger Karl Hüller GmbH. Die Fusion fand statt, ohne daß das Bundeskartellamt, das ja vom Gesetz her eine „Fusionskontrolle“ auszuüben hat, informiert worden wäre.

Natürlich hat das Kartellamt, als es der Sache endlich gewahr wurde, Einspruch erhoben. Thyssen ersuchte daraufhin den Bundeswirtschaftsminister um die im Wettbewerbsrecht vorgesehene Minister-Erlaubnis: Er sollte die Fusion billigen. So kam es nun zu der öffentlichen Anhörung. Obwohl noch nichts entschieden ist, zweifelt doch kaum ein Beobachter daran, daß Hans Friderichs sein Plazet geben wird, wenn auch möglicherweise mit der Einschränkung, daß sich Thyssen von der Hälfte oder gar zwei Dritteln des erworbenen Kapitals wieder trennen muß.

Ordnungspolitischen Puristen mag diese Großzügigkeit wehtun. Seien es Elefanten-Hochzeiten wie die zwischen Veba und Gelsenberg oder zwischen Karstadt und Neckermann, oder seien es, wie in diesem Fall, Zusammenschlüsse zwischen Großen und Kleinen: Stets lichtet sich die Unternehmensstruktur in unserem Land und stets scheint ein Stückchen Wettbewerb auf der Strecke zu bleiben. Die Tatsache, daß unser Wettbewerbsrecht, nachdem es nunmehr viereinhalb Jahre in Kraft ist, noch in dieser Legislaturperiode geändert werden soll – die Vorarbeiten finden bereits statt –, gibt solchen Bedenken Gewicht. Der Ruf nach einem schärferen Wettbewerb wird wieder lauter.

Doch gerade manche zunächst unerfreulich anmutenden Erfahrungen seit dem Bestehen des neuen Kartellgesetzes wecken Zweifel, ob dieser Ruf begründet ist. Betrachten wir noch einmal den Fall Thyssen/Hüller: Nur durch die Fusion ist Hüller vor dem Ruin bewahrt worden. Nur so gelang es, rund zweitausend Arbeitsplätze zu retten.

Die Fusion hat mithin Schlimmes vermieden. Und die Erfahrung, die Thyssen für sich und andere damit gesammelt hat, daß es die Fusion nicht anzeigte – sie dürfte heilsam gewesen sein. Zwei Jahre Hickhack mit Behörden und Gerichten: Das schärft das Verständnis für die Problematik von Fusionen und bewahrt manch einen davor, die Fehler anderer noch einmal zu wiederholen.

Oder erinnern wir uns des Falles Neckermann/Karstadt. Die Fusion mag bedenklich gewesen sein. Ohne sie aber wäre Neckermann von der Bildfläche verschwunden – mit der Folge, daß Quelle und Otto/Schwab den Versandhandelsmarkt allein hätten kontrollieren können und daß im Reisegeschäft der Gigant TUI seinen einzigen gleichwertigen Konkurrenten, nämlich Neckermann-und-Reisen (NUR), losgeworden wäre. Die Fusion hat also Wettbewerb erhalten.

Gerade das Herzstück des geltenden Kartellgesetzes, die Fusionskontrolle durch das Bundeskartellamt, hat sich besser bewährt, als viele Kritiker wahrhaben wollen. Es mußte eine schlimme wirtschaftliche Schlechtwetterzeit überstehen, eine Zeit mithin, die schon so manchen wettbewerbspolitischen Grundsatz mürbe gemacht hat – und es hat sich dabei recht gut gehalten.