Von Philippe Almeras

Teile des biographischen Romans „Cassepipe“ von Louis-Ferdinand Céline (eigentlich Destouches) sollen der Säuberungswut der Résistance zum Opfer gefallen sein. Was von dem Fragment übrig blieb, erscheint jetzt in Deutschland –

Louis-Ferdinand Céline: „Kanonenfutter, mit dem Notizbuch des Kürassiers Destouches“, aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Christine Sautermeister-Noël und Gert Sautermeister; dnb 79, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1977; 107 S., 8,– DM

Es ist ein löbliches Unterfangen, die frühen Bruchstücke dieses wortgewaltigen Sprachgenies auch dem deutschen Leser zugänglich zu machen: In seinem Heimatland Frankreich wird Louis-Ferdinand Céline (27. Mai 1894–2. Juli 1961) mehr und mehr als einer der großen Schriftsteller unseres Jahrhunderts anerkannt. Rechts des Rheines hat er es immer noch schwer, ein größeres Publikum zu finden.

„Kanonenfutter“ ist Mittelstück einer dreigliedrigen Kette, deren Anfang „Voyage au bout de la nuit“ (Reise ans Ende der Nacht, 1932), deren Ende „Mort à crédit“ (Tod auf Kredit, 1936) bildet. „Kanonenfutter“ ist im gleichen Anlauf wie „Mort à crédit“ geschrieben. Chronologisch ist die Verbindung perfekt. Das Fragment beginnt, wo „Mort à crédit“ endet: Ferdinand hat sich nach den Widerwärtigkeiten seiner Jugend als Freiwilliger bei der Kavallerie gemeldet. Er verbringt seine erste tolle Nacht in einer Kürassierkaserne. Er muß sich einer Truppe anschließen, die einen strapaziösen Marsch durch Sturm, Kälte und Regen vor sich hat. Die Mannschaft vergißt auf diesem Marsch die Parole, flüchtet sich in einen Pferdestall der Armee, versteckt sich dort unter dampfenden Pferdeäpfeln und Jauche vor einem sadistischen Spieß und läßt sich vollaufen, um den Krieg zu vergessen.

Ein einprägsames Bild. So erfährt der Fastimmer-noch-Zivilist zum erstenmal am eigenen Leib die Absurdität des Kriegspielens. Dieser Teil des Fragments steht am särksten in der Tradition der Anti-Kriegsromane, etwa von Henri Barbusse.

Die anderen Teile des Fragments zeigen den „Neuen“, bei der Ausübung seines militärischen „Berufes“ in einem Paraderegiment in der Umgebung von Paris. Ein mehr oder weniger lachhaften Aufmarsch endet überraschend am 14. Juli, dem Nationalfeiertag der Franzosen, im Tod. Diese Übung reiner Célinescher Nostalgie führt in das Gemetzel des Ersten Weltkrieges Der Kreis mit „Voyage au bout de la nuit“ ist geschlossen.