Von Jost Nolte

Es war der Tag, an dem die Verfassungsrichter sprachen. Während die roten Roben in Karlsruhe empfahlen, den Mordparagraphen 211 künftighin enger auszulegen, beschloß in Hamburg die Große Strafkammer 17, mit dem Prozeß gegen Hans-Joachim N. und Demosthenes R. im Herbst von vorn zu beginnen. Der Grund: Dem Gericht fehlte hinreichende Einsicht, ob der zwanzigjährige Hans-Joachim N. aus niederen Beweggründen und heimtückisch handelte, als er in der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober 1976 in Hamburg-Bergedorf den 38jährigen Günther St. erschlug.

Weise Beschränkung, beschränkte Weisheit? In Hamburg zeigte sich wie in Karlsruhe, daß der Mordparagraph der Korrektur bedarf.

Ergeben hatte sich in der Mordsache 207 Js 1190/76 dieses Tatbild: Als der Zeuge Anastasios P. ins Zimmer kam, kniete Hans-Joachim N. neben seinem Opfer. Mit der linken Hand hielt Hans-Joachim eine brennende blaue Kerze, in der rechten das Beil. Er schlug noch einmal zu. Es war der neunte Schlag. Wahrscheinlich hatte schon der erste Günther St. getötet.

Anastasios, den man Nassi nennt, sprang auf Hans-Joachim zu, entriß ihm das Beil und schlug ihm mit der Hand ins Gesicht. Nassi schrie etwas, vielleicht: „Hau ab, du Schwein.“ Dann lief er ins Nebenzimmer und sagte seiner Freundin Sabine, was geschehen war. Sabine rannte zur Wohnungstür. Die Tür war abgeschlossen, und obwohl Sabine den Schlüssel in der Hand hatte, dachte sie: „Hier kommst du nicht raus.“ Sie stieg mit Nassi aus dem Fenster der Parterrewohnung.

Auch Hans-Joachim verließ die Wohnung. Er lief durch die nächtlichen Straßen. Das Beil, das er mitgenommen hatte, warf er irgendwo weg. Er hatte Durst, aber die Kneipen waren geschlossen. Der Junge kehrte nach Hause zurück und legte sich in Sabines Bett schlafen.

Nach ein paar Stunden machte sich Hans-Joachim wieder ziellos auf den Weg. Am späten Vormittag tauchte er bei seinem siebzehnjährigen Freund Demosthenes R. auf, den man Demmi nennt. Bei Demmi traf er auch den vierzehnjährigen Rainer B. Die drei spielten Karten, bis Rainer gehen mußte. Dann fragte Hans-Joachim, ob Demmi ihm helfen wolle, die Leiche wegzuschaffen. Demmi, der bis zu diesem Augenblick nichts von Hans-Joachims Tat geahnt hatte und den die Frage überrumpelte, sagte ja.