Nach dem Abendessen eilte Elfriede M. zur Stadthalle – nicht zum Konzert, sondern um. vor Buben und Mädchen der letzten Schulklasse einen Vortrag zu halten: „Bekomme ich eine Lehrstelle?“ Sie ist Sachbearbeiterin der Handwerkskammer ihrer Stadt und hatte alle offenen Lehrstellen sorgfältig zusammengetragen und gleichzeitig ermittelt, wie viele Jugendliche wohl in der Stadt eine Lehrstelle suchten. Und siehe da: Sie hätte mehr Lehrstellen gezählt als Bewerber; eine frohe Botschaft also, meinte sie, für die wartenden Jugendlichen.

Vor allem solche Berufe hatte sie sich herausgesucht, in denen die Anwärter sich nach abgeschlossener Lehre und einiger Praxis selbständig machen konnten. Diese Berufe bieten die Chance, kleine Unternehmer, also bei Fleiß und Intelligenz zwar nicht reich, aber doch wohlhabend zu werden. „Fremdbestimmte Arbeit“ ist ja ein Schimpfwort geworden. Selbständigkeit sollte dann besonders attraktiv sein.

Die Sachbearbeiterin hatte vor einiger Zeit ihre Schuhe zum Besohlen gebracht, bei dem Schuster um die Ecke. Den gab es noch, und er suchte auch einen Lehrling. Der sollte so gut und fleißig sein, daß er einmal „den Laden hier übernehmen kann“. Ob der Beruf denn eine Zukunft hätte, hatte sie gefragt; die Leute kaufen sich doch ihre Schuhe im Schuhgeschäft. „Aber wer macht ihnen neue Sohlen und Absätze?“ hatte der Meister gefragt. „Die Leute kommen von weit her zu mir, geben viel Zeit und Fahrgeld aus, um ihre Schuhe bei mir reparieren zu lassen.“ Sie sah ein. ganzes Regal voll unbesohlter Schuhe.

So hatte sie sich in den Vororten ihrer Stadt. von etwa einer Million Einwohner umgesehen und nur wenige Schuhmacher gefunden; übrigens auch keine Schneiderinnen mehr. Wer die Anzugtasche geflickt, die Hose gekürzt oder verlängert, den Rock übers Wochenende gebügelt haben wollte, der mußte es nach der Arbeit oder am Sonntag schon selber machen. Da waren also Lücken.

Wohnviertel, einst von wohlhabenden Bürgern bewohnt, dann ein wenig heruntergekommen, sind wieder in Mode gekommen: Es gibt wieder die Eckkneipe. Meist hat sie einen exotischen Namen: italienisch, spanisch, manche mit türkischen Schriftzügen. Die meisten haben zehn bis zwanzig Tische und sind im allgemeinen gut besetzt; Um ein guter Wirt zu sein, muß man natürlich etwas lernen. Man muß kochen, servieren, Geschirr sortieren. und auch ein wenig, abwaschen können. Man muß Handwerker genug sein, um für ein bißchen schicke Beleuchtung, eine Elektro-Anlage für die Musik sorgen zu können. Wer dies kann und auch über die notwendigen kaufmännischen Kenntnisse verfügt, hat gute Chancen. Aber siehe da: Das Gaststättengewerbe sucht vergebens Lehrlinge, schon seit langem.

Elfriede M. war also für ihren Vortrag vor den Buben und Mädchen der Stadt wohlgerüstet. Die These, daß Jugendliche heute keine Chance mehr haben, glaubte sie leicht widerlegen zu können.

Der Saal war wohlgefüllt. In bester Laune schlug Elfriede M. ihren Zuhörern vor, eine Lehrstelle als Schuster, Schneider oder im Gaststättengewerbe anzunehmen. Verblüffung, kurze Pause. Dann: brüllendes Gelächter. Schuhmacher und Schneiderin? Gar Kellner werden? Lächerlich! Auch selbständig zu werden, schien den Kindern kein lohnendes Ziel mehr. Sie wollten Elektrotechniker, Kraftfahrzeugwerker, Maschinenbauer, Kosmetikerin werden, lauter „Modeberufe“.