Von Dieter E. Zimmer

Meine Erinnerungen sind Erinnerungen des Schreckens, wie im Buch von de Sade. Man muß endlich diese Dinge ans Tageslicht bringen.

Pier Paolo Pasolini im Vorspann zu „Salò“

Am 22. Juni hat eine Große Strafkammer des Landgerichts Saarbrücken die bundesweite Beschlagnahme von Pasolinis letztem Film „Salò“ aufgehoben. Eins der gewiß und mit Absicht schockierendsten Werke der zeitgenössischen Kunst ist damit frei. Die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt, und so wird auch dieser Fall noch den Bundesgerichtshof beschäftigen. Aber schon nach dieser Entscheidung und nach der fast analogen, in der ein Berliner Gericht im März Nagisa Oshimas (weniger anstößigen, aber künstlerisch viel anfechtbareren) Film „Im Reich der Sinne“ freigab, darf man sagen: Die deutsche Justiz scheint sich in den letzten sechzehn Jahren langsam, aber sicher, ein durchaus brauchbares Instrumentarium für den Umgang mit der ehemals „unzüchtig“ genannten Kunst erarbeitet zu haben; ein Instrumentarium, welches verhindert, daß „Schriften“ (das sind Bücher, Bilder, Filme), die mit einiger Glaubwürdigkeit beanspruchen dürfen, Kunst zu sein, von der Justiz kassiert werden – und das andererseits erlaubt, die Öffentlichkeit notfalls vor völlig wertlosen und gemeingefährlichen „Schriften“ zu schützen.

Daß es sich so verhält, ist noch nicht bemerkt worden. Die Allgemeinheit muß eher glauben, daß die Konflikte zwischen Kunst und Justiz nach den Regeln des Roulettes ausgetragen werden: Hier wird ein Pasolini-Film eingezogen, nebenan läuft der schäbigste Pam-Tam-Porno weiter; was in Mainz beschlagnahmt ist, muß es gegenüber in Wiesbaden noch lange nicht sein; und über die Beschlagnahme-Meldungen stapeln sich die unterschiedlichsten Gerichtsurteile. Besonders bei Filmen. Während bei Büchern nur die Staatsanwaltschaft am Verlagsort zuständig ist, kann bei Filmen jede Staatsanwaltschaft die Konfiskation beantragen – und zwar wie es ihr beliebt entweder für ihren eigenen Zuständigkeitsbereich oder bundesweit. Das Ergebnis ist manchmal eine unübersichtliche und geradezu lächerliche Vervielfältigung der Verfahren um ein und denselben Film. „Salò“ etwa wurde nicht weniger als vierzehnmal lokal beschlagnahmt (und teilweise wieder freigegeben); zufällig wurde in Saarbrücken der Antrag auf bundesweite Einziehung gestellt – so geriet das Hauptverfahren an das dortige Landgericht. Vielleicht bewegt dieser kostspielige Wirrwarr die Staatsanwaltschaften, endlich für die längst fällige Zusammenziehung der Verfahren bei einem Gericht (etwa am Ort des Verleihs) zu sorgen.

Trotzdem hatte, in der Rückschau, durchaus System, was sich der Öffentlichkeit als eine einzige Konfusion dargestellt haben muß. Und dies waren die wichtigsten Stationen der Evolution.

Abschied vom Normalmenschen