Von Dieter Buhl

Mit fast 300 000 Mitgliedern stellt Nordrhein-Westfalen den weitaus größten sozialdemokratischen Landesverband. Wird er unter seinem neuen Vorsitzenden Johannes Rau zu einem stabilisierenden Faktor in der SPD?

Duisburg, im Juni

Es gibt sie noch, die vernünftige, sachliche, solidarische SPD. Nach all der Selbstzerfleischung in den Reihen ihrer Genossen anderwärts boten die nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten am vergangenen Sonnabend ein Lehrstück der Geschlossenheit. Obwohl sie einen neuen Vorsitzenden wählen mußten, vergaßen die Delegierten von Rhein und Ruhr eine sonst längst verschüttete sozialdemokratische Tugend nicht: die Einheit der Partei über persönliche Interessen zu stellen.

Großmut im Sieg und Gelassenheit in der Niederlage wurden ihnen freilich leichtgemacht. Denn die Entscheidung fiel nicht zwischen zwei Vertretern unvereinbarer Ideologien, sondern zwischen gleichermaßen akzeptablen Temperamenten. Wissenschaftsminister Johannes Rau gegen Arbeits- und Sozialminister Friedhelm Farthmann, erfahrener Taktiker gegen zupackenden Praktiker, bergische Geschicklichkeit gegen westfälische Deftigkeit – so präsentierte sich die Paarung. Nach einem intensiv geführten Wahlkampf der zwei 46jährigen Vorstandskandidaten gab schließlich, wie erwartet, die bessere Tagesform den Ausschlag. Rau bewies sie mit einer ausgefeilten Rede.

Auch die etwas kurzatmige Vorstellung des Konkurrenten schmälert seine Leistung nicht, mit einem rhetorischen Kabinettstück die Stimmung im Saale umgepolt zu haben. Ein Kontersieg vom Rednerpult gehört nicht zu den Selbstverständlichkeiten in der deutschen Parteipolitik; schließlich werden Vorstandswahlen normalerweise mit Zuspräche und Schulterklopfen in Funktionärszirkeln vorentschieden. Der Außenseiter Rau setzte sich durch, weil er im richtigen Moment den rechten Ton fand. Er rückte den quirligen Farthmann in schlechtes Licht, indem er „Parteiarbeit statt Öffentlichkeitsarbeit“ versprach und begegnete dem ihm angehängten Makel des Zauderers, indem er davor warnte, „Behutsamkeit in der Sprache“ mit „Zögern in der Sache“ zu verwechseln. Sein Plädoyer für Freude in der Politik berücksichtigte das Gefühlsdefizit der Genossen, und der deutliche Fingerzeig nach Godesberg befriedigte die ideologischen Bedürfnisse.

Mehr noch als die kluge Rede selber half Rau jedoch, daß er sie wagte. Der Vorwurf, ein Hasenfuß zu sein, braucht ihn nach seinem Auftritt nicht mehr zu drücken. Der sanfte Predigersohn aus Wuppertal hat sich als Kämpfer entpuppt. Die nächste Herausforderung steht ihm schon bevor. Dann nämlich, wenn über den sozialdemokratischen Kandidaten für den Ministerpräsidentenposten in Düsseldorf entschieden wird. Die Vorsitzendenwahl sollte dafür die Weichen stellen. Doch der amtierende Ministerpräsident Kühn hat mit gewohnter Schlitzohrigkeit bereits klargestellt: „... noch sind alle Startlöcher offen.“