Wir machen uns gegenseitig arbeitslos: Zu hohe Löhne behindern die Arbeitsteilung

Die Nachricht sollte nachdenklich stimmen: Obwohl inzwischen fast die Hälfte aller Arbeitnehmer Anspruch auf mindestens fünf Wochen Urlaub im Jahr hat, nahm 1976 die Zahl der Übernachtungen inländischer Gäste in der Bundesrepublik nicht zu, sondern ist im Gegenteil um 1,7 Prozent gesunken. Rückgang der Reiselust und weniger Gäste in den Heilbädern und Kurorten nannte die deutsche Tourismuszentrale als Ursache.

Wer die überfüllten Strände am Mittelmeer kennt, den akuten Platzmangel auf zahlreichen Campingplätzen, wer je zu Ferienbeginn oder vor einem verlängerten Wochenende inmitten kilometerlanger Blechkarawanen über die Autobahn gekrochen, ist, kann darüber nur lachen. Zurückgegangen ist nicht die Reiselust, sondern allein die Bereitschaft (und vor allem bei Familien mit Kindern auch die Fähigkeit), die Preise zu zahlen, die heute für touristische Dienstleistungen verlangt werden. Wer im Zelt oder Wohnwagen statt im Hotelbett nächtigt, wer ein Picknick dem Essen im Gasthof vorzieht oder seine Ferien im Ausland verbringt, tut dies keineswegs immer nur aus Neigung, sondern oft allein wegen der Kosten Das gleiche gilt für die vielen Formen des Do-it-yourself. Nur ein Teil ist Hobby, der Rest Flucht vor den hohen Kosten für fremde Arbeit.

Ökonomisch gesehen ist dies ein Rückschritt, der Wohlstand und Arbeitsplätze kostet. Ohne Arbeitsteilung wäre unser heutiger Massenwohlstand undenkbar, würde immer noch die primi-’ tive Selbstversorgungswirtschaft mittelalterlicher Bauern herrschen. Doch während in der Fabrikhalle und in vielen Büros die Arbeitsteilung inzwischen ein Ausmaß erreicht hat, das oft als inhuman empfunden wird, beobachten wir im Bereich der privaten Bedürfnisse eine starke Rückentwicklung zur Selbstversorgung: Der oft prophezeite Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wird dadurch zumindest stark verzögert. Entsprechend gering ist auch der Beitrag des Dienstleistungssektors zur Schaffung neuer Arbeitsplätze als Ersatz für schrumpfende Industriezweige.

Im Dienstleistungsbereich setzen sich höhere Einkommensforderungen fast ungebremst in höhere Preise um. Der Verbraucher reagiert, indem er (beispielsweise im Urlaub) ins Ausland ausweicht, sich als Heimwerker versucht oder seine Nachfrage reduziert. Das kann durchaus auf Gegenseitigkeit beruhen: Die Kellnerin geht seltener zum Friseur, der Friseur seltener ins Restaurant. Der Anstreicher fährt nicht zur Kur (oder seine Kasse verweigert es ihm), der Arzt streicht sein Haus selber.

Dies alles gilt auch da, wo die Nachfrage nicht über den Markt ausgeübt wird. Wären die Gehälter von Lehrern und Professoren um zehn Prozent niedriger, könnte das Personal im Bildungsbereich entsprechend aufgestockt werden. Hätten die Beschäftigten im Gesundheitsbereich nicht durch ihre Einkommensforderungen zur Explosion der Krankheitskosten beigetragen, hätte es keines Kostendämpfungsgesetzes bedurft, das – wenn es wirksam sein soll – zur Reduzierung der Beschäftigung in der Pharmaindustrie, in den Kurorten oder bei den Produzenten von Zahnersatz führen muß.

Fazit: Durch zu rasch in die Höhe getriebene Einkommen machen wir uns gegenseitig arbeitslos, wird das Wachstum in den Bereichen gebremst, in denen von einer Sättigung der Bedürfnisse an sich keine Rede sein kann. Eine Steuer- und Einkommenspolitik, die solche Überlegungen in ihr Kalkül einbezieht, fehlt allerdings noch.

Michael Jungblut