Um im Kreise der Wettbewerber Schritt halten zu können (oder gar einen Schritt voraus zu sein), müssen sich die Unternehmen etwas einfallen lassen. Fachleute nennen das Absatzpolitik, Schleichwerbung oder Öffentlichkeitsarbeit – je nachdem. Ziel solcher Bemühungen ist in jedem Fall, Aufmerksamkeit zu erringen, Interesse zu wecken und natürlich Nachfrage zu schaffen.

Ein ungewöhnliches Beispiel dafür lieferte jetzt die ansonsten sehr geschickt operierende Neckermann-Reisetochter NUR. Stolz präsentierte man der Presse „ein aktuelles Lehrstück zum Thema Umweltschutz“. Davon profitieren konnten genau 130 Kreuzfahrtgäste, die mit einem von NUR gecharterten Schiff in das norwegische Ekofisk-Gebiet zur Bohrinsel „Bravo“ schipperten. Die beiden sogenannten „Ölexperten“, die ihnen dort einen Vortrag über die Problematik von Meeresbohrungen hielten, waren eigentlich engagiert, um über Flora, Fauna und Geologie Skandinaviens zu dozieren.

Konkurrenten witterten denn auch sofort Lunte. Boten die NUR-Leute Anschauungsunterricht für Schaulustige? In der Tat ist es wohl nicht unbedenklich, wenn sich ein Unternehmen in der Öffentlichkeitsarbeit ausgerechnet an den makabren Bekanntheitsgrad der Bohrinsel „Bravo“ anhängt, deren auslaufende Rohölmassen noch vor rund zwei Monaten ganz Nordeuropa an den Rand einer Naturkatastrophe gebracht hatten.

Bei NUR befürchtet man jedoch nicht, daß das angekündigte „Lehrstück“ nun als Lektion für die eigene Firma zurückdriftet. Sprecher Karl Maute: „Wir wollten doch nur zeigen, daß wir etwas mehr tun als nur Reisen oder Träume zu verkaufen!“ Schützenhilfe kommt vom Deutschen Reisebüro-Verband. Dort fragt man sich: „Sollten wir wirklich mit solchen Moralbegriffen an den Tourismus herangehen?“

Schaden könnte es eigentlich nicht.

Werner Dageför