Von Ruth Herrmann

Vom Silberjubiläum des Landes Baden-Württemberg, so schien mir, wurde in Ulm an der Donau nicht viel Aufhebens gemacht. Schlug da die ehemalige Freie Reichsstadt durch – um ein gutes Stück Geschichte älter als die Landeshauptstadt am Neckar? Nein, wohl – eher die höchst gegenwärtige Überlegung, daß mit dem Feiern von Jubeldaten ökonomisch umzugehen ist, wenn die Anziehung nicht gemindert werden soll. Ulm hat nämlich 1977 Grund, auf eigenem Grund etwas zu feiern: Es ist sechshundert Jahre her, daß der Grundstein zum Ulmer Münster gelegt wurde.

Das Gründungsrelief vom 30. Juni 1377 zeigt das Stifterpaar, den Bürgermeister Ludwig Krafft und seine Frau, wie sie dem Baumeister das Kirchenmodell auf den Rücken stellen. Der, Heinrich Parier aus der bedeutenden Baumeisterfamilie, geht darunter in die Knie. Kein Wunder, denn die Hallenkirche sollte doppelt so viele Menschen fassen, wie die Stadt damals Einwohner hatte, also zweimal zwölftausend.

Von jenem Superlativ, der auf die Masse der Touristen den größten Eindruck macht, dem höchsten Kirchturm der Welt (161,60 Meter, 768 Stufen, die man erklimmen kann), war noch lange nicht die Rede. Er würde erst 1890 vollendet.

Daß an gotischen Domen die Jahrhunderte bauen, ist bekannt, daß nicht nur die Zeit an ihnen frißt, sondern seit Jahrzehnten die chemisch verschmutzte Luft die feingliedrigen Formen annagt, ist eine Tatsache. Steinmetze und Konservatoren lassen sich auf einen Wettlauf mit der gefräßigen Chemie ein – die vielleicht auch einmal eine schützende Arznei liefert. Vorläufig steht noch nicht fest, wer gewinnt. Jedenfalls ist in Ulm wie anderswo die Bauhütte ständig beschäftigt.

Münsterbaumeister Erhard Lorenz hat im Vorraum eine kleine Werkstatt aufgebaut, in der ein Steinmetz an einer zierlichen Fiale oder anderem arbeitet, das Zerfressenes von der Höhe der Spitztürmchen und der Bekrönung von Strebepfeilern ersetzen soll. Der Besucher kann so betrachten, was er am Standort in der Höhe kaum wahrnehmen kann. Und mit einer Mark Eintrittsgeld trägt er ein wenig zu der runden Million bei, die die Erhaltung des Münsters jährlich kostet.

Nach Ulm – nicht nur des Münsters wegen. Die alte Stadt am Zusammenfluß von Hier und Blau mit der Donau ist eine Reise wert – abgesehen vom Münster, von dem allerdings gar nicht abzusehen ist, weil es beherrschender Mittelpunkt ist, zu erblicken von beinahe überall. Besonders eindrucksvoll sieht es – wie mancher behauptet – von Bayern aus. Das liegt nämlich jenseits der hier nicht sehr breiten Donau: in Neu-Ulm. Ein Weißwurstäquator am Stadtrand ist es jedoch kaum – trotz Selbständigkeit ist Neu-Ulm eher eine Art Vorstadt.