Von Heinz Michaels

Die „Mercure“ ist tot, es lebe die „A 200“ – so etwa schallt es aus Paris, an den alten Heroldsruf erinnernd: Der König ist tot, es lebe der König. Die französische Regierung demonstriert damit ihre Entschlossenheit, ihrer Luftfahrtindustrie eine Zukunft zu sichern. Ihrer Luftfahrtindustrie – so muß es jetzt heißen, nachdem Ministerpräsident Barre als überraschende Pointe auf der Pariser Luftfahrtschau eine Quasiverstaatlichung der französischen Luftfahrtindustrie angekündigt hat.

Mit der „Mercure 200“ von Dassault – jetzt zu einem Drittel Staatsbesitz – hatten die Franzosen eine französisch-amerikanische Zusammenarbeit angestrebt. Mit der „A 200“ des Staatsunternehmens Aerospatiale laden sie jetzt die Nachbarn ein, ein europäisches Projekt zu starten.

Die Rede ist von Verkehrsflugzeugen für Kurz- und Mittelstrecken, die 120 bis 160 Sitze haben sollen. Bisher sind es nur Papierprojekte jener neuen Flugzeuggeneration, von der sich die Luftfahrtindustriellen aller Welt in den achtziger Jahren das große Geschäft versprechen.

Von 1982 an müssen die Fluggesellschaften darangehen, ihre Kurz- und Mittelstreckenflotten zu erneuern. Allein die Lufthansa muß 58 Flugzeuge der Typen Boeing 727 und 737 ersetzen – den Zusatzbedarf nicht gerechnet. Bis 1985 benötigt sie dafür rund vier Milliarden Mark.

Weltweit wird der Bedarf auf mindestens 1200, von Optimisten sogar auf 2500 Flugzeuge geschätzt. Marktanalytiker des amerikanischen Flugzeugproduzenten Boeing haben errechnet, daß die Luftfahrtgesellschaften bis 1985 knapp 36 Milliarden Dollar (gut 85 Milliarden Mark) für neue Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge ausgeben müssen.

Mit seinem Plan, daß die Europäer mit einem eigenen Produkt diese Marktchancen nutzen, greift Barre nun allerdings auf einen Vorschlag des früheren Ministerpräsidenten Chirac zurück, der schon vor zwei Jahren an die europäischen Regierungen appellierte, gemeinsam ein Flugzeug mit etwa 150 Sitzen zu entwickeln. Unter der Bezeichnung „Euro-Plan“ hatten die europäischen Luftfahrtunternehmen damals auch bereits mit den Vorarbeiten begonnen.