Von Jürgen Werner

Auf meine Frage, welche Erkenntnisse er aus Südamerika mitgebracht habe, und welche Erwartungen er daraus für die Fußballweltmeisterschaft im Juni nächsten Jahres in Argentinien ableite, kam eine präzise Antwort: „Wir bleiben bei unserem deutschen Stil, der an alle unsere Spieler den Anspruch stellt, gleich stark in Abwehr und Angriff zu sein. 1972, als wir Europameister wurden, war unser Spiel attraktiver, brillanter, 1974 bei der Erringung der Weltmeisterschaft waren wir routiniert und erfolgreich. Doch die Mannschaft, die jetzt in Südamerika so erfolgreich war (3 : 1 gegen Argentinien, 2 : 0 gegen Uruguay, 1 : 1 gegen Brasilien, 2 : 2 gegen Mexiko innerhalb von 10 Tagen), spielt vor allem gut. Darunter verstehe ich, daß zwar besondere Glanzpunkte und Überraschungseffekte, wie sie vor allem durch Franz Beckenbauer inszeniert wurden, fehlen, daß aber jeder Spieler jetzt auch mehr Verantwortung übernimmt. Das wiederum führt zu selbstbewußtem Spiel und Eigeninitiative vieler Spieler. Denk’ nur mal an Rüdiger Abramczik, Manfred Kaitz oder Bernd Hölzenbein.“

Der Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft hat aus der Not eine Tugend gemacht. Galt bis zum Ausscheiden Franz Beckenbauers aus diesem Kreis ohne Einschränkung der Satz „alles hört auf mein Kommando“ – und das zum Wohle aller –, so betont Helmut Schön jetzt – und das zu Recht – den Wert aller. „Unser Spiel ist nüchterner geworden, kämpferisch betonter. Auch die Mannschaften von 1972 und 1974 konnten kämpfen, wenn es darauf ankam, heute wollen es alle von Anfang an.“

Die Spielweise, das betont der Bundestrainer im Gespräch immer wieder, habe sich nicht geändert, sondern die Nuancen. Die beiden wichtigsten Spiele der Südamerikareise gegen Argentinien und Brasilien – weil deren Spielweise und Spielstärke sie zum Mitfavoriten auf den Weltmeistertitel im nächsten Jahr machen – haben die zweite wichtige These Helmut Schöns bestätigt, daß der Weg zum Erfolg nur über die beiden Eckpfeiler des von ihm schon so apostrophierten „deutschen Stils“ führen wird: Deckung und Defensive.

Bernd Hölzenbein hat gegen Argentinien ein Pensum erledigt, von dem Langstreckenläufer nur träumen können. Erich Beer hat im Mittelfeld bis zur Erschöpfung gekämpft. Über Rainer Bonhofs Kämpferqualitäten brauche ich nichts zu erzählen“ – Helmut Schön spricht dabei wohlgemerkt nur von Mittelfeldspielern, den Bindegliedern zwischen Abwehr und Angriff. Doch die Betonung ist bei ihnen schon deutlich: wer in der deutschen Mannschaft nicht rennt und rackert, steht schnell draußen vor der Tür. Berti Vogts, der neue Kapitän, gab die Losung aus: „Wir fressen sie auf“, und meinte damit das bedingungslose Bekämpfen des Gegners, der ihnen jeweils vom Bundestrainer zugewiesen wird.

Der Einwand, das Spiel der deutschen Mannschaft könnte dadurch leicht in die Nähe des Kraftfußballs früherer Jahre geraten und damit blockiert werden, wird von Helmut Schön mit dem Hinweis beantwortet, wer so hohes Tempo mit Präzision im Zuspiel, in der Ballführung und der Kontrolle des Gegners verbinde – wie in Argentinien, Uruguay und Brasilien demonstriert –, mache Technik erst sinnvoll: das Direktspiel der deutschen Mannschaft gegen Argentinien habe dort die Zuschauer verzückt, in Brasilien deren Spieler verwirrt.

„Die südamerikanischen Spieler haben mit zunehmender Spielzeit immer häufiger miteinander geschimpft; ein Zeichen dafür, daß ihnen das Spiel und Verständnis untereinander außer Kontrolle gerieten. Sie stecken dann auch leichter auf. Das gibt’s bei unseren Spielern nicht“ – worauf sich Helmut Schön verlassen kann.